Wettbewerb und Effizienz statt Oligopol und SelbstbedienungNach dem Energiegipfel im Kanzleramt, 6. Oktober 2006

2. November 2006


Prof. Dr. Edda Müller
Prof. Dr. Edda Müller
Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband  
Klare Weichenstellungen für mehr Wettbewerb im Energiemarkt und kartellrechtliche Maßnahmen – um Verbraucher und Wirtschaft vor überzogenen Preisen zu schützen, muss die Bundesregierung jetzt konsequent handeln. Neben dem Abbau der Marktmacht der großen Energieversorger gehören Investitionen in zukunftsfähige Technologien und Maßnahmen und Instrumente zur Energieeinsparung zum Energiekonzept der Zukunft. Bisher liegen die Potentiale für eine höhere Energieeffizienz weitgehend brach. Zu hoffen ist, dass mit dem jüngsten Energiegipfel den Verantwortlichen endlich die dringende Notwendigkeit klar geworden ist, das Thema nicht nebenbei, sondern als Schwerpunkt zu behandeln.

Die Marktsituation ist bekannt: Knapper werdenden Ressourcen steht eine erhöhte Weltmarktnachfrage nach Primärenergieträgern gegenüber. Die eigentliche Nachricht, die wir uns dabei in das Bewusstsein rufen müssen ist: Lange bevor die Öl- und Gasquellen versiegen, werden die Energieträger für weite Teile der Bevölkerung unbezahlbar sein. Wohneigentümer sehen sich genauso wie Mieter bereits heute mit explodierenden Energiepreisen konfrontiert. Allein der Gaspreis zur Wärmeerzeugung ist in den letzten zehn Jahren um 70 Prozent gestiegen und die Preiserhöhung bis zu 15 Prozent zum Jahreswechsel 2005/2006 belastet eine vierköpfige Familie mit etwa 140 Euro bis 210 Euro im Jahr. Und die Preise steigen weiter.


Die einfachste Methode, Geld zu sparen, ist weniger Energie zu verbrauchen. Würde der Primärenergieverbrauch in Deutschland bis 2020 im Durchschnitt um 20 Prozent gesenkt – machbar wären deutlich mehr – würde sich allein für die Haushaltskunden ein Einsparpotential von 20 Milliarden Euro jährlich ergeben. Dieses Geld stünde Hausbesitzern und Mietern zur Verfügung und würde die Binnenkonjunktur beleben.

Zentraler Faktor bei den Einsparpotentialen ist die Energiebilanz der Gebäude. Eigenheimbesitzer wissen aus eigener Erfahrung: Etwa zwei Drittel der anfallenden Energiekosten entfallen auf die Bereiche Heizung und Warmwasser. Oft kann bereits mit einfachen Mitteln der Energieverbrauch drastisch gesenkt werden. Aufklärung leisten seit über 28 Jahren die Energieberater der Verbraucherzentralen der Länder: In über 400 Beratungsstellen und -stützpunkten in ganz Deutschland beraten erfahrene Architekten und Ingenieure die Verbraucher zu Möglichkeiten der effizienten Energienutzung und zum Einsatz regenerativer Energien. Die kompetente Beratung durch die Fachleute der Verbraucherzentralen zeigt, dass es lohnend ist, in Energieeffizienzmaßnahmen zu investieren. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass die Beratenen insgesamt etwa 80 Millionen Euro für Effizienztechnik und Anlagen pro Jahr zur Nutzung erneuerbarer Energien investiert haben. Somit löst jeder Euro Fördergeld für die Energieberatung etwa 23 Euro an zusätzlichen Investitionen aus, die überwiegend der lokalen Wirtschaft zugute kommen. Energie und Geld sparen und die Wirtschaft ankurbeln – ein echtes „Win-Win“-Geschäft! Aber die Aufklärung muss weitergehen und kann nicht allein den Verbraucherzentralen überlassen werden. Die Weichen für mehr Energieeffizienz müssen vor allem durch die Politik gestellt werden. Sie muss Effizienz in den nächsten Jahren in allen Bereichen – Wärme, Elektrizität und Mobilität – konsequent fördern und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich die sparsamsten Gebäude, Geräte und Fahrzeuge im Markt durchsetzen. Dies muss nicht unbedingt teuer sein: Transparenz und Information ist schnell und billig zu haben und kann Großes bewirken.

Dazu gehört zuvorderst die Einführung eines Gebäudepasses, der Mieter und potentielle Hausbesitzer über den energetischen Zustand eines Gebäudes aufklärt und Maßnahmen zur Effizienzsteigerung aufzeigt. Dieser Pass hätte nach EU-Vorgaben bereits zum Januar eingeführt werden müssen. Wer 1,4 Milliarden Euro für ein Gebäudesanierungsprogramm auflegt und zugleich Käufern und Mietern Informationen über den energetischen Zustand einer Immobilie verwehrt, macht sich unglaubwürdig. Nur ein bedarfsorientierter Energiepass macht es möglich, energieeffiziente Gebäude von Energieschleudern zu unterscheiden. Eine weitere kostengünstige Maßnahme wäre ein Mietminderungsrecht für Mieter, wenn die gesetzlichen Vorgaben zum Energieverbrauch gemäß Einsparverordnung nicht eingehalten werden. Eigenheimbesitzer sollten sich gegen solche Transparenzregeln nicht sperren, denn auch sie können profitieren: ein gut wärmegedämmtes Haus oder eine entsprechende Wohnung erzielen bessere Verkaufspreise oder auch höhere Mieteinnahmen.


Aber auch vor ordnungsrechtlichen Verboten darf die Bundesregierung nicht zurückschrecken. So ist bei elektrisch betriebenen Produkten die Verbannung von Stromfressern notwendig. Überfällig ist etwa ein Verbot des überflüssigen Stand-By-Betriebs, der allein die Energie von zwei großen Kraftwerken verbraucht. Auch für Kraftfahrzeuge muss ein Höchstverbrauchswert festgelegt werden, um den Stand der Technik auch wirklich Realität werden zu lassen.

Die Ausschöpfung der Energieeinsparpotentiale reduziert die Energierechnung der Verbraucher um Milliardenbeträge. Energieeffizienz leistet einen Beitrag zur Versorgungssicherheit und reduziert unsere Abhängigkeit von importierten Energieträgern. Zudem schafft sie in allen Branchen wirtschaftliche Impulse im Inland. Die internationale Vorreiterrolle für effiziente und neue Energietechnologien darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Prof. Dr. Edda Müller