Nachbarschaft im besten Sinne

Ein Blick zurück auf den Bundeswettbewerb 2020 des Verbands Wohneigentum (VWE). Rolf Müller, Experte für Siedlungsentwicklung und Juryvorsitzender, im Interview.

Porträt Rolf Müller
© Lentner/FuG
Herr Müller, in ungewöhnlichen Zeiten entstehen ungewöhnliche Wege - wir haben im laufenden Wettbewerb aufgrund der Corona-Situation in den digitalen Modus umgeschaltet. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wie haben Sie das digitale Format erlebt?

Rolf Müller: Das war schon spannend! Diese neue Form des Wettbewerbs- und Beurteilungsverfahrens war zunächst einmal für alle Beteiligten anstrengend und arbeitsintensiv. Da die Rundreise, auf der die Jury die Leistungen und den Geist der Gemeinschaften unmittelbar vor Ort erlebt, leider ausfallen musste, haben die Teilnehmer mit Fotos, Unterlagen, kurzen Videos und schriftlichen Selbstdarstellungen eine Art "virtuellen Rundgang" ermöglicht. Die Jury hat sich intensiv in diese Materialien vertieft und insgesamt 75 Einzelgespräche geführt, um dem eigenen Anspruch einer fairen Bewertung zu genügen. Am Ende hat das dann doch erstaunlich gut funktioniert. Im Ergebnis konnte trotz des neuen Formats eine Entscheidung getroffen werden, die als wohlbegründet gelten darf.

Sie sind nicht zum ersten Mal bei unserem Bundeswettbewerb in der Jury dabei. Welche Veränderungen beobachten Sie als Experte in den Siedlungen?

Die Siedlungen gehen mit der Zeit, indem ihre Eigentümer sich aktuellen Herausforderungen wie Generationengerechtigkeit, energetische Sanierung, Integration oder Klimaschutz und Ökologie aktiv stellen. So ist etwa das Energiebewusstsein bei den Eigenheimern inzwischen sehr ausgeprägt. Gerade dort, wo der Generationenwechsel in vollem Gange ist, bringen die jüngeren Haushalte oft neue gesellschaftspolitische Impulse in die Entwicklung. Beeindruckend war es zu sehen, dass dabei vielerorts der Blick zunehmend über die engere Siedlung hinaus auf die Quartiersentwicklung als Ganzes gerichtet wird und die Gemeinschaften sich in die Prozesse integrierter Stadt- und Quartiersentwicklungskonzepte einbringen.

Bildergalerie: Gewinner der 1. Preise im Bundeswettbewerb 2020

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    Eindrücke aus der Siedlergemeinschaft Seßlach. Foto: SG Seßlach

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    Die Seßlacher freuen sich über einen ersten Preis. Foto: SG Seßlach

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    Ein Blick in die BASF Siedlergemeinschaft Mannheim-Rheinau-Süd... Foto: SG Mannheim-Rheinau-Süd

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    ... und in gut gelaunte Vorstandsgesichter. Zusammen mit den Seßlachern gewannen sie den ersten Preis. Foto: SG Mannheim-Rheinau-Süd


Ein Begriff wie Siedlergemeinschaft klingt für manchen heute vielleicht "verstaubt". Welchen Beitrag leistet diese Form des Zusammenlebens für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt?

Zunächst heißt "Siedlergemeinschaft" nichts anderes, als dass Menschen sich niederlassen, eine Wohnstätte gründen und sich dabei durch etwas Gemeinsames verbunden fühlen. Dieses Gefühl der Verbundenheit findet heute seinen Ausdruck in der Tatsache, dass der Einzelne zwar in seinem selbstgenutzten Wohneigentum lebt, zugleich aber Rückhalt in der Gemeinschaft findet. Er ist nicht allein, weil man sich umeinander kümmert, sich hilft, miteinander feiert und Verantwortung über das eigene Haus hinaus für das Ganze übernimmt.

Indem aus freiem Antrieb heraus Leistungen des Gemeinwohls erbracht werden - wie z. B. Aufgaben der Jugend- und Altenarbeit oder die Pflege öffentlicher Infrastruktur -, wird der soziale Zusammenhalt gefördert und die Gesellschaft von Aufgaben entlastet, die andernfalls teuer organisiert und finanziert werden müssten. Das dient nicht nur dem eigenen Wohlbefinden, sondern ist ein dankenswerter Beitrag zur Stabilisierung der Gesellschaft insgesamt - und mit Sicherheit nicht antiquiert.

Viele Gemeinschaften blicken auf eine lange Geschichte zurück. Sie formulieren den Begriff der Zukunftsbeständigkeit. Was raten Sie den Bewohnern, um ihre Siedlungen fit für die Zukunft zu machen?

Das ist zum einen das Erfordernis einer aktiven Gestaltung des vielerorts anstehenden Generationenwechsels. Wenn die Gemeinschaften überaltern und die neuen Gebäudeeigentümer lieber für sich leben wollen, wird die Existenzgrundlage der Gemeinschaft gefährdet. Hier bedarf es einer engagierten Überzeugungsarbeit, die Vorteile und Mehrwert des gelebten Gemeinsinns vermittelt. Das sichert die Beständigkeit und bringt zugleich neuen Schwung.

Zum anderen kommt es darauf an, die gesellschaftliche Integrationskraft der Gemeinschaften zu erhalten und zu fördern. Wir leben - leider - in Zeiten der individuellen Wahrheiten und einer zunehmenden Ich-Bezogenheit. Hier können die Gemeinschaften ein wohltuendes Gegengewicht bilden. Indem sie auf Gemeinsames abheben und im besten Sinne gute Nachbarschaft leben, fördern sie sozialen Zusammenhalt und wirken damit gesellschaftlichen Fliehkräften entgegen.
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Nähere Details zum Bundeswettbewerb, die ausführliche Dokumentation des Wettbewerbs und das Video der virtuellen Siegerehrung finden Sie hier .

Der Bundeswettbewerb steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministers des Innern, für Bau und Heimat (BMI). Er wird vom BMI finanziell unterstützt und fachlich begleitet vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

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