Aus bundespolitischer SichtErinnerungen eines damaligen Präsidiumsmitglieds

6. November 2009



So wussten beide Teile über 40 Jahre fast nichts voneinander. Deshalb war die Annäherung nach der „friedlichen Revolution” im Jahre 1989 auch umso schwerer. Nicht kühler Sachverstand und ausschließliche Handlungsbereitschaft traten in den Vordergrund, sondern unbändige Emotionen über dieses plötzliche Himmelsgeschenk. Die eine Seite fühlte sich, als habe sie den Garten Eden betreten, während die andere meinte, man könne die bewährten Erfolge der alten Bundesländer den neuen Landesteilen ohne großen finanziellen Aufwand einfach überstülpen und in wenigen Jahren sei die Wiedervereinigung abgeschlossen.


Auch in unserem Bundesverband herrschte zunächst letztere Meinung vor. Sehr schnell dämmerte uns jedoch, welch anderes Gebilde der Siedlungsbewegung wir vorfanden: Nach dem Krieg durften die einzelnen Gemeinschaften, mit Genehmigung der sowjetischen Besatzungsbehörden, ihr bisheriges Gemeinschaftsleben – wenn auch ohne gemeinsame interne Organisationsstruktur – fortsetzen. Aber 1954 erließ die Regierung eine Verordnung für die weitere Gestaltung des Kleingarten-und Siedlungswesens in der DDR. Diese Regelung bestimmte, dass auf Kreisebene einheitliche Verbände der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter zu bilden seien. Diesen hatten sich die bestehenden Vereine und Gruppen bis zum 30. Juni 1954 anzuschließen, andernfalls würden sie zu diesem Zeitpunkt aufgelöst.

Im November 1959 gründeten diese vereinheitlichten Gruppierungen dann in Leipzig eine neue Organisation für die gesamte DDR. Sie erhielt den Namen „Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter” (VKSK). Der Verband verstand sich als eigenständige demokratische Massenorganisation, die sich zum Sozialismus in der DDR bekannte. Ziel war, vielfältige Möglichkeiten sinnvoller und aktiver Erholung in der Freizeit durch gärtnerische, züchterische und geistig-kulturelle Betätigung in „Spartenkollektiven” zu schaffen.

Sehr schnell übernahmen die Geschäftsstellen des VKSK auch eine maßgebliche wirtschaftliche Funktion. Treu dem Grundsatz der DDR „Alles, was im eigenen Land erzeugt werden kann, wird nicht eingeführt”, erwartete man von den Mitgliedern das Schließen der Versorgungslücken bei Früh- und Edelgemüse (z. B. Gurken, Paprika, Tomaten, Beeren) sowie Eiern und Weißfleisch. Bei einigen Produkten waren die Ankaufpreise höher als die Verkaufspreise. Die Differenz zahlte der Staat dem Mitglied über die Geschäftsstelle als Subvention, außerdem erhielten die Betreffenden auch Gutscheine zum Erwerb von Kraftfutter für die Tiere.


Das Gewand unserer Weggenossen aus alten Zeiten hatte sich also vollkommen gewandelt! Deshalb konnte und musste es unsere Devise sein, über den VKSK den Weg zur Wiedereingliederung in unseren Gesamtverband zu erreichen. Alle DSB-Präsidiumsmitglieder bemühten sich deshalb während unzähliger Treffen, Versammlungen und Gespräche auf Sparten- und Kreisebene, in den Funktionsträgern des VKSK Verständnis und Bereitschaft zu wecken. Entscheidend jedoch war, dass jeder Landesverband aus den alten Bundesländern die Patenschaft für eines der neuen Bundesländer übernahm und durch die Bereitstellung von Personal und/oder finanzielle Zuwendungen das Werben förderte.


Wir alle unterschätzten jedoch, wie weit die Rechtsgrundlagen und gesetzlichen Regelungen in den vergangenen Jahrzehnten auseinandergedriftet waren: Für unseren Verband und unser Selbstverständnis war und ist das persönliche, frei verfügbare Grundeigentum mit grundbuchlicher Sicherung ein ehernes Prinzip, das wesentlicher Bestandteil unseres Staatsbewusstseins und unserer Persönlichkeitsrechte ist. Davon hatte sich die DDR im Laufe der Jahre immer weiter entfernt. Das 1975 in Kraft getretene Zivilgesetzbuch wahrte zwar nach außen diesen Schein, aber tatsächlich änderte sich der Status des Grundeigentums immer mehr durch einseitige Verfügungen der öffentlichen Hand, getreu der These, dass alles Eigentum des Volkes sei.

Diese Problematik mit ihren über längere Zeit verursachten Ungerechtigkeiten und deren versuchte Bereinigung im Rahmen der Wiedervereinigung, war eine der härtesten Nüsse, die es zu knacken galt. Die nicht verarbeitete Vergangenheit der Bevölkerung setzte diesem Problem die emotionale Haube auf.
Für den Verband machte noch schwieriger, dass im Laufe der Jahre die Bedeutung des Wohneigentums durch die legendäre „Datscha” verschoben worden war. Sie gehörte von Ausmaß, Umfang und Bedeutung her nach unserem Verständnis zum Kleingarten, wenn sie auch als Wochenendgrundstück bezeichnet wurde. Hier sind selbst heute noch nicht alle Fragen geklärt.

Der Versuch des DSB-Präsidiums durch Verhandlungen mit dem Vorsitzenden des VKSK-Zentralvorstandes, Dr. Laschinski, sowie seinen Geschäftsführern Egner, Habermann und Engelhardt eine vollständige Eingliederung der uns berührenden Sparten sowie die Übernahme des Vermögens im Jahre 1990/91 in Berlin zu erreichen, ließ sich aussichtsreich an. Sie scheiterten im Endergebnis aber an den überzogenen – auch materiellen – Wünschen des VKSK. Dies bedauerten wir sehr.

Schließlich löste sich der VKSK am 10. Februar 1990 auf einem außerordentlichen Verbandstag in Berlin auf. Sein umfassendes Vermögen wurde auf einige wenige inzwischen gegründete Vereinigungen der einzelnen Sparten als Rechtsnachfolger übertragen. Siedlervereine erhielten nur einige Inventargegenstände.


Am 5. Oktober 1990 wurden die Landesverbände Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen Mitglied im DSB. Am 23. Januar 1991 folgte Brandenburg, Thüringen am 23. März und am 13. Juli 1991 Sachsen-Anhalt. Die Devise für unsere neuen Bundesländer hieß nun: Konsolidierung und Wachstum. Dabei half die gesamte Familie der Siedler im Bundesgebiet – auch finanziell. Unser damaliger Präsident, Albert Demtröder, der zu dieser Zeit Berater im Arbeitsministerium in Berlin war, stopfte eine Unzahl von Löchern, indem er mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen den Ablauf des Geschäftsbetriebes förderte und wirksam die Konsolidierung unterstützte.

Um auch der Bevölkerung in den neuen Bundesländern den DSB bekannt zu machen, wurde bewusst die Öffentlichkeit angesprochen. Höhepunkt war der Wettbewerb „Die beste Kleinsiedlung im Bundesgebiet”. An diesem, unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wohnungsbau durchgeführten, Wettbewerb nahmen 1993 zum ersten Mal auch Gemeinschaften aus den neuen Bundesländern teil. Auf der Bundesversammlung im thüringischen Suhl wurden auch eine Siedlung aus Neustadt-Glewe (Mecklenburg-Vorpommern) und aus Suhl vom Bundesminister ausgezeichnet.


Die Zahl unserer Mitglieder in den neuen Gebieten wuchs – trotz großer Konkurrenz – auf rund 25.000 Familien. Ich bin sicher, dass diese Zahl noch wachsen wird. Für mich ist die Wiedereingliederung vollzogen, aber noch nicht vollendet. Die zum Teil noch nicht bewältigte Vergangenheit sitzt heute noch Vielen als Stachel im Hinterkopf und ist großes Hindernis, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Für mich ganz persönlich schlug sich der Prozess der Wiederannäherung in einem neuen beruflichen Engagement von 1990 bis 1994 als Bürgermeister von Sassnitz auf Rügen nieder. Als äußeres Zeichen der Erinnerung an diese Tage und an die Verbandsentwicklung bleibt mir das Emblem des VKSK auf Meißener Porzellan – offensichtlich ein Relikt der damals üblichen Ehrung.

Wir alle kommen aus verschiedenen Landesteilen unseres Vaterlandes, gehören aber gleichwohl zusammen!

Eckart Naumann
Ehrenpräsident des Verbands Wohneigentum