Erinnerungen aus Brandenburg, Teil 2Verschlafener Mauerfall

6. November 2009


Aber selbst wenn der besagte 9. November ein ruhiger Arbeitstag gewesen wäre, so hätte ich doch nie mit der Maueröffnung gerechnet. Daher schauten wir abends auch nicht die „Aktuelle Kamera“ (die DDR-Entsprechung der Tagesschau). Stattdessen widmeten wir uns der Familie, denn mit drei Kindern zwischen 6 und 13 Jahre gab es immer reichlich Gesprächsstoff.


Dass vom 9. zum 10. November etwas passiert sein musste, bekam ich erst am nächsten Tag mit. Und auch nur, weil der Hausmeister der Gemeinde ungewöhnlicherweise morgens erst nach 9 Uhr zur Arbeit kam. Die Gemeinderäume waren kalt, die fünf Kohleöfen nicht geschürt und der Kollege sah in keiner Weise krank aus. Als er mir sagte, dass er die ganze Nacht in Westberlin war und dort mit vielen Leuten aus Ost und West gefeiert habe, glaubte ich ihm erst nicht.

An diesem 10. November war die Öffnung der Mauer natürlich auch bei uns Tagesthema. Die Euphorie war groß, aber die Frage, wie es nun weitergehen würde, ließ nicht lange auf sich warten.

Heute 20 Jahre nach der Maueröffnung hat sich unser Leben in vielen Dingen verändert: Meine Kinder haben damit weniger Probleme. Sie sind nun auch schon um die 30 und kennen den „Osten“ nur aus der Schulzeit. Bei den Älteren hört man gelegentlich, wie schön doch manche Dinge früher waren. Aber eben nur manche. 20 Jahre nach dem Mauerfall bin ich zufrieden mit der Entwicklung, die sich in den neuen Bundesländern vollzogen hat. Es wurde sehr viel in die Infrastruktur unserer Länder investiert, was mit der DDR-Wirtschaft wohl kaum möglich gewesen wäre. Zufrieden bin ich auch, dass der Kalte Krieg seit nunmehr 20 Jahren vorbei ist und wir in einem vereinten Europa leben, das immer mehr zu sich findet und Kriege, wie sie meine Eltern erlebt haben, zukünftig hoffentlich ausschließt.

Zufrieden bin ich auch darüber, dass immer noch genügend zu tun ist und wir uns selbst aktiv einbringen können. Ein reines Schlaraffenland wäre doch langweilig.

Siegfried Berger
Präsidiumsmitglied,
Vorsitzender des Landesverbands Brandenburg