StadtumbauVon stetigem Wachstum zu dauerhafter Schrumpfung

6. Juni 2003



Dr. Diana Coulmas
Dr. Diana Coulmas
Wissenschaftliche Referentin des vhw  

Prognosen zur demografischen Entwicklung künden einhellig von gravierenden Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung, zu denen es auf mittlere Sicht in Deutschland kommen wird. Diese betreffen vor allem:

Deutschland schrumpft und der Osten schrumpft am schnellsten. Die in den neuen Ländern inzwischen unübersehbaren Probleme des Einwohnerrückgangs, des Wohnungsleerstands in den Städten und der Überalterung lassen die Entwicklung erahnen, die sich in Gesamtdeutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zuspitzen wird.


Die Leerstandsquote im Bundesdurchschnitt liegt bei ca. 7,4%, in den neuen Bundesländern (mit Berlin-Ost) bei etwa 13,2% und in den alten Bundesländern (mit Berlin-West) bei ca. 6,0%. Die Landesdurchschnitte in den neuen Bundesländern liegen hierbei zwischen 9% und 17%

(siehe Anm. 1)

. Auf kommunaler Ebene liegen die Leerstandsquoten zum Teil bei 20% und mehr (z.B. in Leipzig, Dresden, Zwickau, Chemnitz und Magdeburg).

Demgemäß wird der demografische Wandel mehr und mehr zum zentralen gesamtgesellschaftlichen Thema. Tagungen, Berichte, Artikel und Veranstaltungen zum Thema Leerstand und Stadtumbau überschlagen sich, der Stadtumbau ist zu einem herausragenden Politikfeld geworden.

Mit dem Begriff der Schrumpfung werden insbesondere die räumlichen Auswirkungen der demografischen Entwicklung und der Wanderungsprozesse auf die Kernstädte in Verbindung gebracht. Die Bevölkerungsrückgänge in vielen Städten und Abwanderung in das Umland führen zu umfangreichen Wohnungsleerständen, der Verlust und die Abwanderung von Arbeitsplätzen zu neuen Industrie- und Gewerbebrachen. In deren Folge unterliegen auch technische, soziale und kulturelle Infrastruktureinrichtungen Schrumpfungsprozessen. Neben städtebaulichen Problemen resultieren hieraus nicht zuletzt wirtschaftliche und finanzielle Folgen für lokale Unternehmen und kommunale Haushalte.

Die mit den Schrumpfungsprozessen einher gehenden räumlichen Auswirkungen stellen damit eine Herausforderung dar, für deren Bewältigung es bisher keine Vorbilder gibt. Sie implizieren in bestimmten Bereichen ein Abweichen von bisherigen Leitbildern und städtebaulichen Zielsetzungen, die vorwiegend auf Wachstum und dessen Steuerung ausgerichtet waren. Insgesamt zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der städtebaulichen Entwicklung ab, der neue Steuerungserfordernisse mit sich bringt.


Auf die dramatische Entwicklung in Ostdeutschland mit Wohnungsleerstand, Abwanderung und Verödung der Innenstädte hat der Bund mit dem milliardenschweren Programm „Stadtumbau Ost“ reagiert und für die nächsten acht Jahre erhebliche Finanzhilfen zur Verfügung gestellt.

Mit der Auflage eines Modellprogramms „Stadtumbau West“ soll zudem die in den alten Ländern erreichte Tragweite des Problems ermittelt werden, nachdem in einzelnen Städten und Gemeinden hier ebenfalls Anzeichen eines langfristigen Wandels der Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur zutage treten. Neben lokalen Wohnungsleerständen werden auch im Infrastrukturbereich zunehmende Kapazitätsprobleme erkennbar. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) führt im Auftrag des Bundesbauministeriums die Begleitforschung für ein neues Forschungsfeld des experimentellen Wohnungs- und Städtebaus „Stadtumbau West“ durch, an dem insgesamt 11 Projektstädte aus den alten Bundesländern teilnehmen. Durch das vierjährige Forschungsvorhaben „Stadtumbau West“ sollen dabei praktische Erfahrungen mit Kapazitätsanpassungen im Sinne eines ressourcenbewussten Umbaus in westdeutschen Städten gesammelt werden. Mit der Förderung der elf Projektstädte (darunter acht mit investiven Bundesmitteln) und mit der wissenschaftlichen Auswertung soll geklärt werden, welche besonderen städtebaulichen Herausforderungen sich für diejenigen Kommunen ergeben, die durch rückläufige Bevölkerungszahlen, hohe Arbeitslosigkeit und überdurchschnittlichen Wohnungsleerstand sowie Strukturschwächen der Stadtentwicklung geprägt sind

(siehe Anm. 2)

. Konkret sollen sich die Projektstädte im Rahmen des Forschungsfeldes der Aufgabe stellen, wie durch eine zukunftsbeständige Stadtentwicklung der Paradigmenwechsel vom „gesteuerten Wachstum“ auf „geordneten Rückzug“ zu vermitteln und umzusetzen ist. Der Umbau der Städte und Gemeinden wird nicht länger nur – wie in der Vergangenheit gewohnt – dadurch bestimmt sein, Wachstum räumlich zu verteilen bzw. den Wachstumskräften angemessenen Raum zu geben. Die Steuerung künftiger Entwicklungen wird zunehmend auch dadurch geprägt sein, Stagnations- und Schrumpfungsprozesse aktiv zu gestalten.


Noch wird in den meisten Diskussionen die Beseitigung des Wohnungsleerstandes in den Mittelpunkt des Problems gerückt. Die Dimensionen der schrumpfenden Städte sind jedoch weit größer und komplexer.

Schrumpfung führt neben massiven Wohnungsleerständen auch zu sinkender Infrastrukturnachfrage, Schließung von Einrichtungen, weiten Wegen, Vernichtung von Immobilienwerten und fehlenden qualifizierten Fachkräften vor Ort – mithin zu Attraktivitätsverlust der Standorte insgesamt.
Die genannten Zahlen und vorstehenden Ausführungen verdeutlichen, dass der Stadtumbau nicht nur ein wohnungswirtschaftliches, sondern zugleich ein städtebauliches und sozialpolitisches Problem ist. Als Folge dieses Prozesses – mit unterschiedlicher Ausprägung in Ost und West – werden die Kommunen vor Aufgaben gestellt, die auch hinsichtlich ihrer rechtlichen Grundlagen einem fortwährenden Wandel unterliegen, das heißt, die bisherige stadtentwicklungspolitischen Ziele und Strategien müssen mit Blick auf die erforderlichen Kapazitätsanpassungen überdacht werden. Dabei ist die Einordnung des Stadtumbaus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe unter Einbeziehung der wirtschafts-, sozial-, bildungs- und familienpolitischen Gesichtspunkte in die Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik notwendig.

Dieses Vorgehen hat das vhw schon vor Jahren in seinen „Thesen und Forderungen zu einer integrativen Wohnungspolitik für Kernstädte“ unter Einbeziehung der besonderen Bedeutung der Wohneigentumsbildung gefordert.

In Fortführung dieser Überlegungen hat das vhw zum Thema Stadtumbau zwei unterschiedlich ausgerichtete Arbeitsgruppen eingesetzt, die seit Oktober 2002 regelmäßig tagen:
Während die Arbeitsgruppe „Stadtumbau Ost“ (Vorsitz Prof. Dr. Schmidt-Eichstaedt, TU Berlin) breiter und stärker empirisch angelegt ist, konzentriert sich die Arbeitsgruppe „Stadtumbau – Besonderes Städtebaurecht und Städtebauförderung“ (Vorsitz: Ministerialdirigent a. D. Prof. Gierke, Hannover) auf die Auseinandersetzung mit spezifischen städtebaurechtlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Stadtumbau.

Das vhw kommt damit seinem Anliegen nach, eine unabhängige Plattform für die am Stadtumbauprozess Beteiligten und Mitwirkenden zu bieten und an den neuen gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutsamen Herausforderungen für die Wohnungs- und Städtebaupolitik mitzuarbeiten. Hiermit ist zugleich eine Vernetzung zu anderen Feldern der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik und der Aktivitäten des Verbandes gewährleistet. So entsprechen die Grundlagen für die Bewältigung des Stadtumbaus zu einem nicht unerheblichen Teil denen der Sozialen Stadt: Erforderlich sind neue Wege zur Bündelung von Ressourcen, zur Vernetzung für ein kooperatives Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure und zur Einbindung von Bewohnern, Gruppen, Institutionen und Verbänden in Entscheidungsprozesse. Zur Unterstützung des Stadtumbaus ist die Wohneigentumsbildung ein Beitrag, die Funktionsfähigkeit der Städte zu stärken. Vor diesem Hintergrund müssen alle eigentumswilligen Haushalte die Chance haben, in den Städten ihre „eigenen vier Wände“ erwerben zu können.

Dr. Diana Coulmas
Wissenschaftliche Referentin des vhw

Anmerkungen
1 Zusatzerhebung zum Mikrozensus 1998, leerstehende WE in % von WE in Wohngebäuden
2 Hierzu und im Folgenden: http://www.bbr.bund.de