Zukunftsfähiges WohnenForschungsprojekt untersuchte Siedlungen im ­Verband Wohneigentum e.V.

Der demographische Wandel, soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen sind die Herausforderungen der Gegenwart. Doch sind wir und unser Lebensraum dieser rasanten Evolution gewachsen? Anhand von fünf Siedlungen des Verbands Wohneigentum Rheinland-Pfalz e. V. untersuchte das Projekt „Wohneigentum für Generationen – Siedlungen zukunftsfähig gestalten und entwickeln“, was nachhaltige Siedlungsentwicklung in der Praxis bedeutet. Am 20. Mai 2011 wurden die Ergebnisse auf einer Fachtagung im Kurfürstlichen Schloss Koblenz, im Rahmen der Bundesgartenschau, vorgestellt.

Der rheinland-pfälzische Finanzminister, Dr. Carsten Kühl, zeigte sich in seinem Grußwort sehr interessiert an der Zukunftsfähigkeit der Siedlungen im ländlichen Raum.   © Verband Wohneigentum
Nicht nur Eigenheimbesitzer, auch Kommunen haben große Aufgaben vor sich: Der Baubestand muss aufgerüstet werden, um den energetischen Ansprüchen sowie der steigenden Lebenserwartung der Bürger zu genügen. Wohnangebot und Infrastruktur im Wohnumfeld müssen den Bedürfnissen der gesamten Bevölkerung entsprechen – von der jungen Familie bis zum Senioren. Eine generationenübergreifend sinnvolle Infrastruktur beinhaltet nicht nur das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Angebot vor Ort, sondern beispielsweise auch den öffentlichen Nahverkehr. Ebenso wichtig sind Anreize zur Selbsthilfe. Fazit: Nicht Einzelmaßnahmen, sondern vernetzte, auf den Individualfall abgestimmte Gesamtkonzepte sind notwendig.

Doch wie sieht so ein Gesamtkonzept aus? An dieser Frage setzten die Mitarbeiter der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern und der Landesenergieagentur „EffizienzOffensive Energie“ (EOR) mit dem Forschungsprojekt „Wohneigentum für Generationen – Siedlungen zukunftsfähig gestalten und entwickeln“ an. Unter der Leitung von Prof. Dr. Anette Spellerberg (Fachgebiet Stadtsoziologie) und Prof. h. c. Dr.-Ing. Karl Ziegler (Fachdisziplin Städtebau), beide TU Kaiserslautern, sowie Oliver Rechenbach (EOR) untersuchten die Wissenschaftler seit 2009 exemplarisch Siedlungen in Boppard-Leiswiese, Lahnstein-Allerheiligenberg, Waldböckelheim, Wittlich-Weilersiedlung und Worms-Horchheim. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Landesprogramms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWoSt) vom Ministerium der Finanzen sowie dem Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung des Landes Rheinland-Pfalz.

Modelle für andere

Die Ergebnisse wurden gespannt erwartet, nicht nur vom Verband Wohneigentum, dessen gesamter Bundesvorstand zur Präsentation nach Koblenz gereist war. „Wenn wir in den nächsten Jahren unsere Mitgliedsfamilien glaubwürdig vertreten wollen, sollten wir die gebotene Chance aus Politik und Wissenschaft nutzen“, verwies Roland Walther, Vorsitzender des Verbands Wohneigentum Rheinland-Pfalz, auf den Modellcharakter des Projekts. Denn die gewonnenen Erkenntnisse lassen sich auf Siedlungen im gesamten Bundesgebiet übertragen.

Roland Walther, Vorsitzender des Verbands Wohneigentum Rheinland-Pfalz, wies das Fachpublikum auf die Wichtigkeit der im ExWoSt-Projekt gewonnenen Erkenntnisse hin.   © Verband Wohneigentum

Ebenfalls ein hohes Interesse an der Zukunftsfähigkeit der Siedlungen im ländlichen Raum zeigt die Politik: Der rheinland-pfälzische Finanzminister Carsten Kühl betonte in seinem Grußwort, eine nachhaltige und soziale Entwicklung im Land, insbesondere bei den Kommunen, dürfe man nicht aus den Augen verlieren. „Die quantitativen und qualitativen Anforderungen der demografischen Entwicklung müssen erfasst und alten- und familiengerechte Wohnquartiere mit guter Nahversorgung und sozialer Infrastruktur geschaffen und erhalten werden“, schrieb sich Kühl auf die Fahne.

Auch Alter schützt vor Tatkraft nicht

Im Fokus der Forschungen standen die drei Säulen Städtebau, Stadtsoziologie und Energieeffizienz. Ziel war eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Bewohner der Siedlungen sollten nicht nur mehr Wissen über ihr Quartier erlangen, sondern das Rüstzeug erhalten, auch nach Projektende zukunftsweisende Änderungen zu erwirken.

Tatsächlich weckte das zweijährige ExWoSt-Projekt die Motivation der Siedlungsbewohner. Hinsichtlich der Stadtsoziologie wurden Ideen geboren, die den individuellen Bedürfnissen der Gemeinschaften entsprachen: So trägt man sich mit der Idee, das soziale Leben in Waldböckelheim durch ein Café mit Blumenladen aufzuwerten; das gleiche Ziel soll in Boppard möglicherweise durch einen überdachten Gemeinschaftsplatz erreicht werden. In Wittlich hingegen liegen die Probleme eher im Straßenverkehr. Daher entwickelte man hier Szenarien für eine Verkehrsberuhigung und bessere Regelung der Parkverhältnisse. In Worms möchte man die Überalterung der dortigen Gemeinschaft durch Schnupper-Mitgliedschaften sowie durch verbesserte Information und Kommunikation aufhalten. Und der Gemeinschaft in Lahnstein, die zwar idyllisch, aber recht abgelegen liegt, gelang es, den von der Post abmontierten Briefkasten zurückzuerlangen. Obschon Lahnstein die Gemeinschaft mit dem höchsten Altersdurchschnitt war, wurde hier durch das ExWoSt-Projekt besondere Eigeninitiative freigesetzt. So nahmen die Bewohner selbständig Kontakt zum Nexus-Institut auf, um alternative Konzepte zum öffentlichen Nahverkehr zu entwickeln (beispielsweise mit einem Bürgerbus). Außerdem erreichten sie eine verbesserte Lebensmittelversorgung durch mobile Händler. „Das Projekt hat uns eindrücklich gezeigt, dass Alter nicht vor Tatkraft schützt“, resümierte Prof. Spellerberg.

Doch zeigte das Projekt auch, dass sich die Bedeutung einer Siedlergemeinschaft über die Jahre verändert hat: Zählten für die Gründer meist die Nachbarschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders viel, spielt dies für die jüngeren Generationen eine eher untergeordnete Rolle. „Die langjährig stabilen Gemeinschaften sind ein Wert an sich und ein Potential für gegenseitige Hilfe. Heute wird Nachbarschaft häufiger neutral und pragmatisch begriffen“, lautet eine Schlussfolgerung des Projekts.

Schrittweise Bestandsmodernisierung

Der städtebauliche Forschungsteil attestierte den untersuchten Gemeinschaften ebenfalls eine gute Zukunftsfähigkeit. Voraussetzung sei jedoch, dass der durch das Projekt angestoßene Modernisierungsprozess fortgeführt werde. Praktisch bedeutet dies eine Anpassung der Gebäude an heutige Anforderungen – sowohl in baulicher als auch energetischer Hinsicht. Doch Modernisierung ist ein schrittweiser Prozess. „Man kann eine Siedlung in drei bis vier Jahren aufbauen. Aber wer glaubt, dass sich eine Siedlung in drei bis vier Jahren runderneuern lässt, gibt sich einer Illusion hin“, mahnte Prof. Ziegler. Den Erkenntnissen seines Teams zufolge, setzt die Zukunftsperspektive in puncto Städtebau ein Interesse der Bewohner an gemeinsamen Aktivitäten auf Basis formeller und informeller Regelungen voraus: Begannen die meisten Gemeinschaften als reine Zweckgemeinschaften, entwickelten ihre Mitglieder über die Jahre eine soziale Gemeinschaft mit einem entsprechenden baulichen Gemeinschaftsgeist. Optimal wäre es, wenn dies in Zukunft in eine bauliche „Vergemeinschaftung“ münden würde, bei der die Bewohner zusammen die Modernisierung ihrer Eigenheime angehen. So würde nicht nur die Siedlung als Wohngegend aufgewertet, sondern es hätte auch wirtschaftliche Vorteile für die Eigentümer.

Zu einem ähnlichen Fazit gelangte auch der energetische Forschungsteil: Von insgesamt rund 500 Gebäuden hatte die EOR 136 thermografiert. Hierbei wurde ein hohes energetisches Einsparpotential ersichtlich. Entscheidend seien jedoch „der Handlungsspielraum und Wille der Eigentümer zur Sanierung“, resümierte Oliver Rechenbach (EOR).

Auch in den übrigen Vorträgen der Fachtagung klang eine Ansicht deutlich durch: Eigenheimergemeinschaften sind ein Zukunftsmodell – sofern das soziale Miteinander lebendig gehalten werde, aber ebenso, indem der Gebäudebestand den veränderten energetischen wie baulichen Ansprüchen gerecht werde. Dabei geht es nicht ohne die Beratung durch Fachleute. Denn die meisten Eigenheimbesitzer haben eine enge emotionale Bindung zu ihrem Familienheim. Das ist einerseits ein Vorteil, andererseits verstellt es auch häufig den Blick für die Realität: Der Wert des eigenen Heims wird allzu oft überbewertet, sein baulicher oder energetischer Zustand überschätzt. Hier hilft objektiver Rat.

Wie geht es weiter?

Das ExWoSt-Projekt „Wohneigentum für Generationen – Siedlungen zukunftsfähig gestalten und entwickeln“ ist vorerst abgeschlossen, eine Dokumentation mit den Ergebnissen wird am 23. August 2011 veröffentlicht. Für Forschungsteam und Ministerien ist das Projekt jedoch noch nicht zu den Akten gelegt. In zwei Jahren will man prüfen, was sich in den fünf Gemeinschaften weiter getan hat. „Man sollte an dem Projekt dran bleiben, um zu sehen, ob die Beratung greift und wie sinnvoll die Instrumente der Landesregierung sind, beziehungsweise wie sie bei den Bürgern ankommen“; meinte Herbert Sommer, Leitender Ministerialrat im rheinland-pfälzischen Finanzministerium, der das Forschungsprojekt mit angestoßen hatte. In den teilnehmenden Siedlungen ist die Motivation, die gesammelte Erfahrung praktisch zu nutzen, ungebrochen. Denn, so zitierte Roland Walther das Motto der landeseigenen Initiative für das Ehrenamt, „wir tun was in Rheinland-Pfalz“!

Kh

Vorträge

Die Vorträge der Fachtagung finden Sie auf der Website "Dialog Baukultur"