Historisch: Festschrift "50 Jahre Siedlergemeinschaft Ratingen-Süd"

Wir veröffentlichen hier einen Artikel, den der damalige Vorsitzende Johann Schmitt anläßlich des 50-jährigen Jubiläums der Siedergemeinschaft Ratingen-Süd 1936 geschrieben hat.

Aus der Festschrift "50 Jahre Siedlergemeinschaft Ratingen-Süd"
vom damaligen "Gemeinschaftsleiter" Johann Schmitt

• Wie der Siedlungsgedanke geboren wurde

Nach dem 1. Weltkrieg herrschte ein starker Wohnungsmangel. Privater und auch gemeinnütziger Wohnungsbau konnten den Bedarf alleine nicht decken.

Um 1927 wurde der Versuch von Seiten der Behörden gemacht, Arbeitslosensiedlungen am Rande der Großstädte entstehen zu lassen, um auf diese Weise einem Teil der Bevölkerung einigermaßen menschliche Wohn- und Lebensmöglichkeiten zu bieten. Bausparkassen kamen nur langsam zum Zuge, weil nach dem Kriege und der Inflation persönliche Ansprüche der Menschen im Vordergrund standen.

Wenn der Krieg auch keine direkten Zerstörungen verursacht hatte, so fehlte es der großen Masse doch an vielen Gütern des täglichen Lebens. Trotzdem wurde vor allem bei den Großstädtern die Sehnsucht nach einem eigenen Heim und Garten, nach einem stillen Platz für das Alter immer stärker.

Es bildeten sich an vielen Orten Interessengemeinschaften, die dieses Ziel anstrebten. Man besuchte Ausstellungen der Bausparkassen und ging auf Landangebote ein. In dieser Zeit wurde der "Deutsche Siedlerbund" überall bekannt.

• Von der Gründung der Siedlung Ratingen-Süd

• Eupenstraße (heute Kolpingstraße)

1935 bildete sich in Ratingen eine Interessengemeinschaft von 24 Vollsiedlern und 4 Eigenbauern, die an der heutigen Kolpingstraße ansässig wurden.

Da die Zeit des "Dritten Reiches" bereits begonnen hatte, wurde der Siedlungsgemeinschaft der "stramme" Parteigenosse N----n aus Tiefenbroich als Vorsitzender zugestellt. Er und der Architekt Vössing hatten unbeschränkte Vollmachten. So ist es verständlich, dass die Siedler, die als Einsatz 1.500 - 2.000 RM als Anfangskapital einzahlten und eineinhalb Jahre bis zum Erwerb des Grundstücks warten
mussten, manche Angst auszustehen hatten. Zum Glück war der Architekt ein Ehrenmann, so dass es endlich doch zum Bauen kam.

Im Sommer 1937 wurde am Haus des Siedlers Windeck an der Eupenstraße feierlich der Grundstein zu allen Siedlungshäusern gelegt. Das Maiengrün, das für die Feierlichkeit aus dem Wald geholt und entlang der geplanten Straße aufgestellt war, fand allerdings schon In der folgenden Nacht Liebhaber, die eine Stütze für ihre Erbsen brauchten.

1938 waren die Häuser an der Eupenstraße fertiggestellt.

• Straßburger- und Memeler Straße (heute Fliednerstraße)

Ganz unabhängig von der Siedlergemeinschaft Eupenstraße hatte sich bereits 1934 in Düsseldorf unter der Schirmherrschaft des Deutschen Siedlerbundes die Siedlergemeinschaft "Oberbilk 1" gebildet. Vorsitzender war Herr L---s und technischer Berater Architekt B-----t. Nach vieler umständlicher Grundstückssuche wurden dann 1937 an der Herzog-Gerhard-Straße Ecke, Südstraße Grundstücke erworben und auf die Siedler aufgeteilt.

Diese Siedler hatten es schwerer, weil durch die beginnenden Arbeiten am Westwall das Baumaterial knapp wurde und es an Bauarbeitern fehlte. Zement und selbstgeschnittene Balken wurden beschlagnahmt und vom Bauplatz abgeholt. Bei der dritten Anlieferung fanden sich die Siedler ein und schlugen mit dem Stemmeisen Kerben in die Balken. Dadurch galten diese als bearbeitet und konnten nicht mehr beschlagnahmt werden.

im Oktober 1938 lief die Hypothekenlast an, obgleich kein Haus fertiggestellt war. Durch nachbarschaftliche Hilfe wurde manche Schwierigkeit beseitigt. Trotzdem lagen die Baustellen aus
Materialmangel monatelang still. Ersatzmittel, wie Zementkalk, verzinktes Eisenblech und minderwertige Dachziegel mussten genommen werden, um endlich 1940 einziehen zu können.

Entsprechend der "Heim ins Reich"-Politik erhielten auch in dieser Siedlung die Straßen Namen von Städten aus den 1918 verlorenen Gebieten. Straßburger-Straße und Memeler-Straße. Für eine geplante
Erweiterung der Siedlung wurde die Planstraße, die alle 3 Straßen untereinander und mit der Schützenstraße verbinden sollte, damals Danziger-Straße (heute Raiffeisenstraße) benannt.

• Schützenstraße

1938 schlossen sich weitere 10 Siedler unter der planerischen Leitung des Architekten Vössing zusammen und gingen auf Grundstückssuche. An der Schützenstraße nördlich der Zieglerstraße
fanden sie schließlich auch geeigneten Grund und Boden und das Bauen konnte beginnen. 1940 waren auch diese Hauser bezugsfertig.

"Last not least" waren auch "im Loch" (Am kleinen Rahm) Siedler emsig tätig und auch hier wuchsen Häuser in die Höhe.

Aus Veranlassung des Deutschen Siedlerbundes - Kreisgruppe Niederberg - wurden alle 4 Einzelsiedlungen zusammengefasst zur "Siedlergemeinschaft Ratingen-Süd".

• Der 2. Weltkrieg

Der seit 1939 wütende Krieg brachte neue Belastungen mit sich. Alle verfügbaren Räume wurden mit Soldaten belegt. Neben der Abstellung der durch mangelhaftes Material verursachten Schäden, kamen die laufenden Arbeiten durch die Luftangriffe hinzu. Die vielen durch Detonationen zersprungenen Fensterscheiben und beschädigten Rahmen mussten in Eigenarbeit ausgewechselt werden. All diese Arbeiten verursachten Kosten, die natürlich bei den Baukosten nicht eingeplant waren und dadurch die Siedler oft in finanzielle Bedrängnis brachten. Dabei fehlte es an jungen Männern, die eingezogen waren. Das Material konnte nur unter größten Schwierigkeiten beschafft werden. Luftschutzbunker wurden gebaut.

Im August 1943 wurden bei einem Luftangriff fast alle Dächer abgedeckt. 4 Häuser wurden total zerstört, 3 besonders schwer beschädigt und 1 Haus brannte teilweise aus. Schwerer als die
Sachschäden waren die Menschenverluste. Bei dem besagten Angriff wurden In der Siedlung 14 Personen getötet.

In den ersten Nachkriegsjahren fanden 4 Kinder beim Spiel mit einer Granate den Tod.

• Die Nachkriegszeit bis zur Währungsreform

Als endlich im Mai 1945 der Krieg zu Ende war, zeigte sich die Siedlung in einem erbärmlichen Zustand. Gewiss, die meisten hatten ihr Häuschen retten können, aber durch die zurückkehrenden Kriegsgefangenen, die Evakuierten, Ausgebrannten, Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus dem Osten waren alle Häuser derartig mit Menschen überbelegt, dass man sich heute wundert, wo sie Platz gefunden haben.

Die Nachkriegsjahre waren alles andere als erfreulich. Dennoch haben sich gerade in dieser Zeit die Krisenfestigkeit der Siedlung und die nachbarschaftliche Hilfe bewahrt. Zwar verschwanden die
Blumen aus den Vorgärten und es wurden Kohl und Kartoffeln angebaut, aber der zusätzliche Ertrag aus dem Garten, dem Hühner und Kaninchenstall hat alle über die größte Not hinweggeholfen. Selbst
der Tabak "Marke Eigenbau" wurde im Garten gezogen und halbreif in die Pfeife gestopft.

Vergessen sei auch nicht die geheime Schwarzbrennerei mit selbstgebastelten Destillationsapparaten. Die Waschkessel im Keller wurden zum Kochen von Rübenkraut umfunktioniert. Viele erinnern sich an den lieblichen Duft von Hefe und gärendem Roggen, den zweifelhaften Genuss des verbotenen "Knollibrandi", den Besuch von Zollbeamten und an das Verschwinden der Akazienbäume am Bahndamm.

Sofort nach Kriegsende wurden die Straßen umbenannt. Aus der Eupener-Straße wurde die Kolpingstraße, aus der Memeler-Straße die Fliednerstraße und durch ein Versehen der Stadtverwaltung
wurde statt der Straßburger-Straße die noch nicht bestehende Danziger-Straße in Raiffeisenstraße umbenannt.

• Die Wirtschaftswunderzeit

Die Währungsreform im Sommer 1948 brachte auch für die Siedler eine wesentliche Verbesserung. Mit dem stabilen Geld kam auch die Ware auf den Markt. Man konnte sich wieder satt essen und die
notwendigen Dinge des täglichen Lebens kaufen. Das zeigte sich einmal darin, dass die Anzüge und Kleider zu eng wurden. Zum anderen bekamen Garten und Haus wieder ein freundliches Gesicht.
Die blinden Fensterscheiben wurden durch Klarglas ersetzt, die Rahmen wieder weiß gestrichen und nach und nach alle Kriegsschäden beseitigt.

Nachdem durch den Wohnungsbau die Überbelegung der Wohnungen beseitigt wurde, konnte man die gute Stube wieder zu dem machen, was sie sein sollte. Mancher Siedler baute auf und an. Man leistete sich ein Auto und Fernsehen und überall kehrte das Wirtschaftswunder ein.

Als dann der Wohlstand seinen Aufschwung genommen hatte und alles wieder günstig zu kaufen und
durch Vollbeschäftigung das Einkommen gestiegen war, verschwanden aus den Gärten mehr und mehr die Kartoffeln und der Kohl. Die Vorgärten sind wieder zu einem Blumenparadies geworden und bis weit in den Hausgarten gehen die Rasenflächen. Der Garten ist allen mehr ein Hobby geworden, das
Freude und Erholung nach der anstrengenden Tagesarbeit bietet.

• Was sonst noch geschah

Dieser Bericht wäre unvollständig, wenn nicht hervorgehoben würde, welche Hilfen in der schweren Anfangszeit zur Verfügung standen. Dass heute dieses freudige Ereignis zu feiern ist und viele Besitzer
schöner Häuschen sind, ist auch dem Deutschen Siedlerbund zu verdanken, der den Siedlern in anerkennenswerter Weise in der seinerzeit schweren Zeit zur Seite gestanden hat, z. B. bei der
Beschaffung von Bäumen, Sträuchern, Sämereien, Düngemitteln und Kleintieren. Damals hatte noch jeder seine Hühner und Kaninchen. Heute hört man nur noch vereinzelt einen Hahn krähen.

Die meisten Siedler kamen aus Stadtwohnungen und hatten keine Ahnung von Gartenbau und Tierhaltung. Durch Vorträge, Kurse und Lehrgänge, die der Deutsche Siedlerbund in Verbindung mit der
Kreislandwirtschaftskammer durchführte, wurden immer mehr Siedler ausgebildet. Diese Kurse und Vorträge hatten interessante Themen im Programm, wie z.B. Obstbaumschnitt, Obstbaumpflege,
Schädlingsbekämpfung, Düngung und Kleintierhaltung. Es wurde unterrichtet in Gartengestaltung und Obstarten oder gar über "Unterlagen" bei Obstbäumen.

Hier muss vor allem dem damaligen "Kreisobstbaumoberinspektor" Sch-----n für all seine Mühen gedankt werden und für die Freizeit, die dieser Mann sonntagvormittags in der damaligen "Winterschule" an der Hauser-Allee geopfert hat, um die Siedler zu unterrichten.

Anfang des Jahres 1953 trennten sich die Siedler vom kleinen Rahm von der Siedlergemeinschaft Ratingen-Süd und gründeten mit 30 Siedlern eine eigene Gemeinschaft.

• Siedeln heute

Heute in einer Zeit des technologischen Fortschritts, des Computerzeitalters und der Raumfahrt fragt man sich unwillkürlich, was soll der Siedlergedanke. "Siedeln" weckt sofort die Erinnerung an
die Erschließung Amerikas, westwärts ziehende Kolonnen und Trecks oder an die Siedlungspolitik Israels.

Denn Siedeln steht heute nicht mehr für das Urbarmachen von Steppen oder Brachland unter mühevollen Kämpfen mit den Ureinwohnern, sondern für Respektierung der Natur, sinnvoller
Gartenbau, artgerechte Kleintierhaltung, Erhaltung einer grünen Umwelt und Bewahrung eines natürlichen Lebensraumes in einer sozialen Gemeinschaft.

Das sind keine Phrasen oder Sprechblasen, sondern heute praktiziertes Siedlertum. Die Beiträge, die ein jeder Siedler durch Bepflanzung seines Gartens leistet, kommen nicht nur ihm, sondern der ganzen Umwelt zugute. Gerade Gärten bieten in unseren dicht besiedelten Gebieten einen vielschichtigen Lebensraum für Tier- und Pflanzenwelt und fordern somit das ökologische Gleichgewicht.

Ebenso können Siedlergemeinschaften auch gut funktionierende Sozialgemeinschaften sein. Nicht selten werden Feste gefeiert, Nachbarschaftshilfe gepflegt und gemeinsame Aktionen durchgeführt. Eine Gemeinschaft, die sich gefunden hat, weil Landerwerb und Bauen damals wie heute ohne Hilfen der Siedlerverbände oftmals nicht möglich ist. Eine Gemeinschaft der Bedeutung zukommt. Denn die Verschönerung und Pflege der Umwelt durch schöpferisches Tun in Haus und Garten und die
Stärkung familiärer und nachbarschaftlicher Verbundenheit sind Dinge, die gerade heute seltener geworden sind und damit um so mehr der Beachtung bedürfen.

Siedeln heißt daher nicht mehr Kampf gegen die Umwelt, sondern für die Umwelt und für die Gestaltung einer menschenwürdigen Zukunft.

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