In der Weite am Urdenbacher Acker

(letzte Aktualisierung: 22.7.2026)

Erinnerungen des Siedlerjungen Anton Kucken (*1931)
zum 60. Jubiläum der Gemeinschaft im Jahre 1994 und Interviews ab Oktober 2025


Tonis Haus 1936
So waren die Häuser am Urdenbacher Acker. Feierliche Schlüsselübergabe für 30 Familien am 1.8.1934 auf dem Platz, wo sich jetzt der Bunker befindet.   © AK

Die Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit prägten sich mir durch den Umzug im Alter von 3 Jahren von Reisholz nach Urdenbach (im August 1934) besonders ein.
Dabei beeindruckte mich vor allem die Weite des Raumes, in die ich 1934 hinein kam. Die großen Grundstücke mit 30 m Straßenfront hatten einheitliche Lattenzäune (Spriegelzäune) an der Straße, woran Liguster-Hecken gepflanzt wurden, hinter denen die Siedlerhäuser zurücktraten. Diese hohen Hecken bestimmten die ersten 25 Jahre das Straßenbild des Urdenbacher Ackers.

Das Ende des UA
Ende des Urdenbacher Ackers 1934   © AK
Zunächst war der Blick aber noch nach allen Seiten frei über die 83 m langen Grundstücke (hinten und seitlich nur mit Holzpfählen und einem Flachdraht bgegrenzt), auf denen teilweise noch Getreide stand und im Herbst die ersten Obstbäume gepflanzt wurden. Dahinter dehnten sich rund um die Siedlung weite Felder oder freies Gelände aus. Diese Weite erlebte ich besonders von unserem Grundstück aus, am Ende des Urdenbacher Ackers.
Von da ging der Weg durch Felder zum nahen Fichten-wäldchen und zum Altrheingebiet. So sehe ich in der Erinnerung noch den Bauer Burscheid vor mir, der damals mit seinem Pferd das Feld neben unserem Garten bearbeitete. Später wurde dieses Feld ausgeziegelt, wie auch hinter unserem Garten, wo 1934 viele Männer mit Spaten Lehm stachen und in Kippwagen luden. Diese rollten auf Schienen, entlang der in einem großen Bogen abgestochenen Lehmkante, zur Ziegelei an der Kammerrathsfeldstraße. Zu dem Zeitpunkt war schon der größte Teil des Geländes zwischen der Töpferstraße und der jetzigen Straße An der Ziegelei, 1,0 m bis 1.50 m tief abgetragen. Der Rest wurde in Richtung unserer Gärten und der früheren Woermannstraße immer kleiner.

Die Siedlung war in der Weltwirtschaftskrise schon seit einigen Jahren als Kurzarbeitersiedlung geplant, in der die Siedler für ihre Familien einen Nebenerwerb erwirtschaften konnten. Dazu gaben die Betriebe (z.B. Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz, Henkel u.a.), bei denen unsere Väter beschäftigt waren, Darlehen. Der Grund wurde über einen Erbpachtvertrag von der Stadt zur Verfügung gestellt. Die Pacht betrug 2 Pfennig pro m² für 99 Jahre mit Verpachtungsmöglichkeit in die nächste Generation. Das Ganze empfanden unsere Eltern, als wenn sie das große Los gewonnen hätten. So kamen um den 1. August 1934 30 Familien mit vielen Menschen hier zusammen. Eine Eröffnungsfeier auf dem Platz der jetzigen Bunkeranlage gehörte zur Siedlungseröffnung natürlich dazu. Zuerst waren es die Männer, die besonders beim gemeinsamen Ausschachten der Keller von Hand, miteinander bekannt wurden.
Diese Männer hatten zeitweise kurzgearbeitet und waren, durch den wirtschaftlichen Aufschwung zur Zeit des Einzugs, wieder voll erwerbstätig, wenn auch mit geringem Einkommen.

Arbeit der Siedlerfrauen
Arbeit der Siedlerfrauen, im Hintergrund die Koblenzer Str.   © AK
Durch diese Entwicklung bedingt, kam auf unsere Mütter auf den 2500 qm großen Erbpacht-Grundstücken umso mehr Arbeit zu. Sie beschäftigten sich neben dem Haushalt hauptsächlich mit der Kleintierhaltung (z.B. Schafe, Ziegen, Schweine, Gänse, Hühner) und den leichten Arbeiten im Garten. Da jede Siedlerstelle noch nicht alle Gartengeräte hatte, wurden diese gegenseitig ausgeliehen und auch Erfahrungen ausgetauscht, was den Kontakt der Frauen untereinander förderte.

Andererseits war das Leben damals sehr einfach, was unsere Eltern noch zusätzlich belastete. So stand unter dem Toiletten-Holzkasten ein Jauchekübel, in den öfter Torf eingestreut wurde. Dieser Kübel wurde wöchentlich einmal an dem Türchen der Außenwand herausgezogen und auf dem Komposthaufen entleert. Auch ein Beispiel für die vollständige Verwertung von Abfällen. Dadurch, dass unsere Eltern so in Anspruch genommen waren, suchten wir Kinder - wir waren viele am Urdenbacher Acker - Bekanntschaften mit Gleichaltrigen oder Älteren. So kam ich im Laufe der Zeit mit allen Kindern auf dem Urdenbacher Acker zusammen. Ein Beispiel dafür war das große Erdbunkerbauen auf dem Gelände hinter unserem Garten, mit Josef Bürger und Karl Cosson. Vorher wurden aber in der engeren Nachbarschaft Kontakte mit Jungen und Mädchen geknüpft. So sehe ich mich noch in der Erinnerung mit Nachbarskindern auf dem schwarzen Aschenweg entlang der schmalen Schotterstraße "hicken oder dötzen", oder mit größeren Mädchen in den Kämpen Schlüsselblumen pflücken.

Besonders eindrucksvoll blieb für mich ein Fußballspiel, u.a. mit Heinemann Scherf und Hansi Weiler, im Loch am Fichtenwäldchen (hinter der heutigen Werkstatt am Ende der Straße Urdenbacher Acker). Ich, der Kleinste, wurde ins Tor gestellt und bekam den harten Lederball mitten ins Gesicht, wodurch das Blut nur so aus der Nase schoss. Manchmal sah ich aber auch den Größeren beim Fußballspielen zu, für die ein Platz im Feld hinter dem Fichtenwald am Jüdischen Friedhof angelegt war (heute Peter-Behrens-Straße).
Weit dahinter, beim "Einsiedler" (heute südlich der Garather Fußgängerzone), sah ich 1936 ein Doppeldecker-Flugzeug, das im Kornfeld notgelandet war. Bis hierhin hatten die Urdenbacher Bauern ihre Felder - war also Urdenbacher Gebiet. In diesem Gebiet und darüber hinaus, führten mich in den ersten Jahren auch weitere Streifzüge mit dem sieben Jahre älteren Willi Koether, der oft Pfeil und Bogen mithatte. Wir kamen dabei auch zum "Urwald", einem naturbelassenen, damals fast undurchdringlichen Wald entlang des Baches (heute Jakob-Kneip-Straße) und auch einmal zur Eisenbahnbrücke über den Bach bei Alt-Garath.

Die "neuen" Häuser hatten einen Stall, eine einfache Toilette (Plumpsklo), und im ersten Stock einen Hühnerstall. Eine Wasserleitung und Stromleitung sorgten für ersten Komfort. Das Abwasser wurde in einen Betonschacht (60 x 60 cm) geführt, der mit einer Abdeckplatte verschlossen war und regelmäßig entleert wurde. Unser Haus war Heim für meine Eltern und zunächst 2 Kinder, meine ältere Schwester und mich. 1938 erweiterte unsere Familie eine weitere Schwester und 1939 unser Neffe meiner Tante mütterlicherseits, da die Schwester meiner Mutter verstorben war. 1936 wurde das Haus durch einen neuen Stall ergänzt. Der alte Stall wurde zur Waschküche umfunktioniert.

Vor dem Stall wurde auf der gesamten Breite des Gebäudes eine große Jauchegrube betoniert (ca. 3,6 x 1m), die später einmal jährlich geleert wurde. Dahinein führte ein Schacht von der Toilette, die noch mit einem Hebekasten versehen und mit einem runden Deckel abgedeckt war. Rechts neben der Toilette, bis zur linken Außenwand unseres Hauses, lag der Schweinestall. Dieser hatte links eine Holztür und nach rechts eine halbhohe Mauer mit Schweinetrogen. Hier hatten wir jedes Jahr ein Schwein, das im Winter geschlachtet wurde. Gegenüber stand eine elektrische Waschmaschine, die meine Mutter in den 1930er-Jahren noch vor dem Krieg aus Stachelbeeren-, Johannisbeeren- und Erdbeerenverkäufen erspart hatte. An der Decke war eine Luke, durch die man über eine Leiter zum Speicher kam. Von der Küche, die in dem früheren Stallraum eingerichtet war, führte eine Tür in den Stall und auf der anderen Seite eine Tür nach draußen. Diese war auch zweiteilig (oberer und unterer Teil), wie am Stall vorher und mit Stahlhaken und einer Stange vor Einbrüchen gesichert. Rechts neben der Außentür war ein kleiner niedriger Hühnerstall angebaut, an den ein Hühnerauslauf angeschlossen war. Zeitweise hatten wir auch Gänse und ein Schaf. Für dieses hatten wir in den 1930er Jahren eine Wiese am Waldrand (heute südlich der Hermann-vom-Endt-Straße) und auf Urdenbach zu gepachtet. In den 1950er Jahren schaffte ich dann wieder ein Schaf an, um im Garten die Rasenflächen unter den größer werdenden Obstbäumen abzuweiden.

Meine Mutter starb mit 44 Jahren am 27.3.1945 nach Artilleriebeschuss von der anderen Rheinseite durch einen Granatsplitter in den Rücken. Sie hatte im Garten Wäsche aufgehängt, ich hatte an der Stelle vorher gegraben, machte aber gerade eine Pause mit einem Nachbarsjungen, als der Beschuss meine Mutter traf. Ich hatte einen Erdbunker anlegen wollen, um die Vorräte vor den Amerikanern zu retten (Aufforderung der NS-Propaganda).

Die Nachkriegszeit war sehr schwer mit sehr mangelhafter Versorgung. Ich bin mit dem Fahrrad in der Gegend herumgefahren, um für die Familie Essbares zu bekommen. Z.B. bin ich um 5 Uhr vom Reisholzer Hafen mit dem Paddelboot über den Rhein gesetzt (noch vor Kriegsende), um auf der anderen Rheinseite bei Bauern Essbares zu bekommen. Später konnte ich mittels öffentlichem Kahn über den Rhein nach Zons, und bin z.B. fast bis nach Grevenbroich gefahren. Bei einem Bauer hatte ich Erfolg und bekam auch noch ordentlich "Dicke Bohnen mit Speck" - ein Festtagsessen für mich in dieser schwierigen Zeit.

Ich habe 1947 bei Henkel durch Vermittlung eines Onkels eine Schlosserlehre bekommen und war davor zwischenzeitlich in einer Gärtnerei beschäftigt. Ich kannte mich bereits gut aus und habe Tätigkeiten eines Lehrlings im letzten Lehrjahr erbracht.

Das Wäldchen hinter dem Urdenbacher Acker wurde von den Anwohnern zum Heizen in den besonders kalten Nachkriegswintern verwendet. Damit verschwand der kleine Wald. Ich hatte aber über meinen Vater (Förster) mitbekommen, möglichst nur Totholz zu verwenden. Die Polizei hat auch zeitweise in den Häusern kontrolliert, ob widerrechtlich Frischholz geschlagen wurde, konnte aber letztendlich die Abholzung nicht verhindern. Zum Heizen wurde teilweise auch nicht mehr benötigter Teer verwendet.

In den 50er Jahren wurden an unserem Haus ein Zaun, eine Wassertoilette und ein Sickerschacht mit 4 Kammern ergänzt. Alsbald begannen Planungen, den Siedlerkindern ebenfalls Eigentum zu ermöglichen. In der Zwischenbebauung ab 1959 hat man sich dann wieder gegenseitig geholfen. Siedlerkinder hatten Vorkaufsrecht. Die Neusiedler haben dann ebenfalls das Grundstück per Erbpacht erhalten. Der Bebauungsplan sah auch den Bau einer Garage vor (auf unserem Hof, 14 m von der Straße). Das habe ich nicht gemacht, sondern dafür eine überdachte Sitzecke errichtet. Die Statik wurde über einen Bekannten erstellt. Die Bauaufsicht war zunächst nicht begeistert, hat letztendlich aber die Augen zugedrückt. Die heutige Garage konnte dann auch an der von mir geplanten Stelle gebaut werden.

All das läuft heute wie ein Film in meinen Erinnerungen ab, worüber ich noch viel erzählen könnte. Er zeigt den Anfang 1934 in der Weite am Urdenbacher Acker, und wie Menschen zu
einer Gemeinschaft zusammenwuchsen - in der Landschaft, die uns zur Heimat wurde.

Anton Kucken