Urdenbacher wird Siedler
Wie ist es möglich, dass ein eingeborener Urdenbacher ein Siedler am Urdenbacher Acker wird?
Das Dorf Urdenbach und die Siedlung wurden nicht nur durch das Baggerloch getrennt - es trennten sich hier Welten. Wenn mir einer vor 50 Jahren gesagt hätte, ich würde einmal in der Siedlung wohnen, so hätte ich das für unmöglich gehalten. Warum?
Anfang der 30er Jahre hörte Urdenbach in Richtung Osten an der Flößerstraße auf. Als mein Vater 1937 seinem Schwiegervater, dem Dorfschmied Deutzmann eröffnete, dass er die Absicht habe, auf der Töpferstraße zu bauen, sagte dieser nur: "Cill (Cäcilia), red ihm das nur ja aus, wat wollen die da draußen im Feil am Finster (im Feld am Fenster)"?
Hier begann also für die Urdenbacher eine neue Welt und für mich mit 7 Jahren der Nahkampf zur Siedlung.
Diese neue Welt war die unendliche Weite von Feldern und Äckern bis zum Schloss Garath und seiner riesigen Hühnerfarm. Unvergessen bleiben mir die sonntäglichen Familienspaziergänge durch die vom Winde wogenden Getreidefelder oder die mit langgezogenen Furchen wie an der Leine stehenden Rüben- oder Kartoffelreihen. Und die höchste Vollkommenheit war dann für jedes Kind eine ganze Limo im Garather Hof.
Mein Lieblingsspielplatz jedoch war die Schrottkiste meines Onkels Georg Deutzmann, dem Huf- und Wagenschmied von Urdenbach.
Doch eines Tages hörte das unbekümmerte Leben auf, Ich musste schnell einsehen, dass ein Alleingang durch die Siedlung fast lebensgefährlich sein konnte. Selbst in den Kämpen war man nicht mehr sicher.
So schloss ich mich der Bande von "DEI" (Paul Fischer) an. Um für die ständigen Terrainkämpfe gerüstet zu sein, musste man vor allem mit der Schleuder gut umgehen können. Beim Training nahmen wir als Zielscheibe die Ziegel der Firma Odermath (heute Residenz Rittersberg) unter Beschuss. Wurden hierfür Steine verwendet, so wurden humanerweise beim Kampf gegen die Siedlungsbande Lehmklumpen genommen.
Fanden mal keine Bandenkriege statt, dann war abwechselnd "Victor" unser Opfer. Victor war allein im Baggerloch und musste damals noch von Hand den Sand sieben und in die Loren füllen (Firma Vollmer). Nach dem Feierabend von Victor war das Fahren mit den Loren und das Entgleisenlassen ein besonderes Vergnügen. Kein Vergnügen war es, wenn man im Eifer des Gefechtes den Gegner nicht bemerkt hatte und im Oberteil der Loren mitten im Baggerloch paddelnd, unter Beschuss genommen wurde.
Bei allen Zwistigkeiten hatten wir einen gemeinsamen Gegner: Wingartz, den Dorfpolizisten! Wenn nur schon der Name fiel, zerstoben wir in alle Himmelsrichtungen.
In Gewissensnöten kam man, wenn es sich nicht vermeiden ließ, daß man beim Meßdienen aufeinanderstieß. Hierbei waren nach zunächst geübter friedlicher Koexistenz spätere Einzelkämpfe nicht auszuschließen. Gott sei Dank nahmen mit zunehmendem Alter die pubertären Aggressivitäten ab.
Durch vielerlei Berührungspunkte u.a. durch die kath. Jugendtanzkurse im Jägerhof und beim Erntedankfest kamen Freund- und sogar Liebschaften zustande. So kam man sich näher und selbst ein Spaziergang im Dunkeln war sowohl am Sandberg wie in der Siedlung wieder vollkommen ungefährlich.
Als dann 1957 die erste Zwischenbebauung auf dem Urdenbacher Acker anstand, gab es für mich keine Sekunde des Zögerns hier einzusteigen. Dankbar bin ich meinem einstigen Kontrahenten und späteren Freund Anton Kucken, dass ich an seiner Stelle als Nichtsiedlerkind hier bauen konnte.
1959, am 1. Oktober war es soweit, 13 glückliche Familien mehr zählte die Siedlergemeinschaft Urdenbacher Acker.
In nahezu 35 Jahren haben wir nun Siedlergemeinschaft miterleben dürfen und durch aktive Jahre Vorstandsarbeit auch mitgestalten können. Gerne und dankbar denke ich vor allem an die ersten Jahre der freundlichen Aufnahme und herzlichen Nachbarschaft, insbesondere mit den Altsiedlern zurück. Die vielzitierte Nachbarschaftshilfe haben wir nicht als leere Worthülse, sondern praktisch erleben dürfen. Ich wünsche mir und uns allen, dass das Jubiläum "60 Jahre Siedlergemeinschaft Urdenbacher Acker (1994)" ein Fest der Freude und Dankbarkeit wird, aber auch, dass es uns gelingen möge, die wirklichen Werte im Leben überzeugend an die nächste Generation weiterzugeben.
Das friedliche Miteinander im Kleinen sichert den Frieden im Großen.
Hans Quirl