Ein Jungsiedler berichtet
Der Traum von einem eigenen Haus mit Garten, in dem die Kinder spielen können, ein Obstbaum oder zwei, diesen haben wohl viele junge Familien. Für meine Familie sollte dieser Traum in Erfüllung gehen. Und das kam so:
Meine Frau ist in dieser, unserer Siedlung aufgewachsen und da sie die älteste von vier Kindern war, beschloss ihr Vater, sie als Jungsiedlerin beim Deutschen Siedlerbund in der Siedlergemeinschaft Urdenbacher Acker anzumelden. Diese Anmeldung sollte unter anderem meiner Frau eine günstige Möglichkeit des Grunderwerbs für ein städtisches Grundstück ermöglichen.
Gegen Ende der siebziger Jahre war zudem die Absicht der Siedlung geboren, zusätzliche Grundstücke innerhalb des Siedlungsgebietes für Siedlerkinder bereitzustellen. Doch dies war ein langer, harter Kampf des Siedlervorstandes mit den Behörden. Ein Bebauungsplan jagte den anderen und die Jahre gingen dahin. Da die Grundstücke aus den ehemaligen Erbbaugrundstücke der "Altsiedler" hervorgehen sollten, war es nicht zu verdenken, dass diese auch über die Art der neuen Bebauung Mitbestimmung verlangten.
Der eiserne Wille der Altsiedler mit ihrem eifrig und unerbittlich verhandelnden Vorstand sollte schließlich nach mehreren Jahren zum Erfolg führen und die heute schon abgeschlossene Zwischenbebauung zum Ergebnis haben.
Auch meine Frau und ich hatten nun die Chance, ein Grundstück zu erwerben und setzten alles daran, unseren Traum zu realisieren. Wir wussten, dass eine Menge Arbeit, Verantwortung und auch ein steiniger Weg vor uns lag. Doch das sollte uns alles nicht von unserem Ziel abhalten; denn wie heißt es so schön: "Nur Mut zum Risiko, wer nicht wagt, der nicht gewinnt!".
In den langen Jahren des Wartens auf ein Grundstück haben wir gespart, geplant, Fertighausausstellungen besucht und regelmäßig das benachbarte Hellerhof durchstreift, um Rohbauten zu besichtigen. Das häufige Ausfragen von schon-Bauherren sollte sich als sehr hilfreich erweisen.
Im Dezember 1987 war es endlich soweit: Wir besiegelten beim Notar den Grundstückserwerb und suchten dann auch gleich unsere "Scholle" auf. Es war ein sehr schönes Fleckchen Erde, inmitten der Kolpingstraße. Die Lage stimmte, die Größe auch - aber was war das ? Stolze 20 Bäume standen auf dem Grundstück: Apfel, Birne und Kirsche. Nur am falschen Platz stand der Obstwald. Gemäß Lageplan des Vermessers mussten sie alle weg, nicht einer durfte stehen bleiben - Schade! Also hieß es im März, Verwandtschaft angetreten zum Bäumefällen, bevor das Laub kommt! Mit Motorsäge, Axt und Baumsäge bewaffnet, begann der erste Akt der Selbsthilfe. Mein Schwiegervater kannte keine Gnade und keine Pause. Die Motorsäge jaulte, bis der letzte Baum daniederlag. Da sagte Schwiegervater stolz: "Jetzt trinke ich ein Bier und ihr Jungs macht die gefällten Bäume klein." Ein bisschen dumm schaute ich schon drein, denn vorher sah das Grundstück ordentlicher aus.
Nachdem alles kleingesägt war, kam der erste Feierabend beim Bau und man bestaunte sein Tagewerk. Ich hatte großes Glück, einen riesigen Industrieschredder zu bekommen, mit dem das Geäst und die Stämme in Windeseile zerkleinert und auf einen LKW verladen wurden. Zum gleichen Zeitpunkt ging es unseren künftigen Nachbarn auch nicht anders. Die Motorsäge bestimmte das Treiben auf der Adolf-Kolping-Straße. Hier eine Geräuschprobe: "brummbrummbrumm - knacks." Der erste Akt war "gegessen", das Grundstück baureif geräumt, bis auf das kniehohe Gras und Gestrüpp. Doch dafür hatte mein Schwiegervater gleich eine im wahrsten Sinne "zündende" Idee: Er zückte sein Feuerzeug, hielt es an einen Grashalm und harrte der Dinge, die da kommen. Und sie kamen. Es war März, seit Tagen 25 Grad Celsius und alles war pulvertrocken: es brannte und brannte und brannte ...
Panik, Hilfe, was tun? Mein Schwiegervater stand regungslos da. Ich rannte zur nächsten Baugrube mit einem alten Blechdeckel, um Sand zum Löschen zu holen. Ich rannte hin und her, mein Schwiegervater stand immer noch an der selben Stelle. Plötzlich erschien aus dem Gebüsch mein hinterer Nachbar mit einem Grinsen im Gesicht und drei Schaufeln im Arm. "Na, Ihr seit die neuen Nachbarn?" Mit diesen Worten und den drei Schaufeln wurde der Flächenbrand erst einmal gelöscht. Nachdem wir wieder etwas atmen und mein Schwiegervater wieder sprechen konnte, stellten wir uns unserem Nachbarn erst einmal richtig vor, mit einem Glas Bier versteht sich. Wir unterhielten uns noch lange und haben uns über diese erste Nachbarschaftshilfe hinaus auch in Zukunft prima verstanden.
Im Gegensatz zu diesem Ereignis verlief die restliche Bauzeit äußerst problemlos. Selbst der Innenausbau, den ich komplett in Eigenleistung erbrachte, ohne selbst Handwerker zu sein, kann sich sehen lassen. Doch es gab noch ein Ereignis, welches sich lohnt, hier mal erwähnt zu werden. Es geschah zwar nicht bei unserem Bau, aber wir haben es hautnah miterlebt. Ein Nachbar begann mit den Ausschachtungsarbeiten und der Baggerführer begann sich plötzlich zu wundern, dass sein starkes "Gefährt" im sandigen Boden keine Lust mehr hatte, ordentlich zu wühlen. Da war doch keine Wurzel und keine Betonmauer! Nach mehrfachen Versuchen unter Einsatz aller verfügbaren PS war das Geheimnis gelüftet: 
Nun leben wir bereits über sechs Jahre (Stand: 1994) in unserem Haus und fühlen uns sehr wohl. Wir sind stolz, alles aus eigener Kratt und Dank der Opferbereitschaft der Altsiedler hinsichtlich der Grundstücksabtretung und des Ertragens des mindestens zweijährigen Baulärms erreicht zu haben, zum Wohle der eigenen Kinder und auch des eigenen.
Ein Dank auch an den Siedlungsvorstand, der durch seinen Einsatz zu dieser Zeit die Wünsche der Altsiedler, wo auch immer möglich, versuchte durchzusetzen und es verstand, die Siedlung vor Hochhäusern und vor dicht-an-dicht-gebauten Reihenhäusern zu bewahren.
Ralf Meinhold