Die Siedler-Chronik

Letzte Aktualisierungen:
21.12.2025   Wirtschaftsordnung für Kleinsiedlungen des DSB (197x) hinzugefügt

Aufruf

Wir wollen die Geschichte der Gemeinschaft und damit auch die Geschichte der Umgebung des Urdenbacher Ackers aufschreiben. Dafür sind wir auf Zeitzeugen, Berichte, Geschichten und Bilder (werden von uns eingescannt und zurück gegeben) von den (auch ehemaligen) Anwohnern angewiesen.

Wenn sie also etwas für uns haben - immer her damit !

Vorwort

Grundlage ist die Abschrift aus der Jubiläums-Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum aus 2009, ergänzt um weitere Angaben aus der Festschrift von 1994 zum 60-jährigen Jubiläum sowie aktuell ermittelten Dokumenten aus dem Stadtarchiv der Stadt Düsseldorf.
Die Bilder sowie weitere Ergänzungen auch für die Zeit nach 2009 werden Zug um Zug ergänzt.

Wir möchten mit diesem Versuch einer Chronik einen Abriss über die Entstehung und den Werdegang der Siedlung zu vermitteln.
Wahrscheinlich werden bei vielen unserer Mitglieder und Freunde alte Erinnerungen aufleben, Erinnerungen über Ereignisse, die teilweise sehr weit zurückliegen. Aber auch die Jüngeren, heute in der 2., 3. und vielleicht schon 4. Generation, sollen einen Einblick bekommen in unsere Geschichte, die ja jetzt auch die ihrige ist.

Wir bedanken uns bei allen, die durch Beiträge in Form von Erzählungen und Bildern zu dieser Chronik (inkl. der Erinnerungen) beigetragen haben.

Die Chronik von 1934 bis heute

Ursprungsgedanke und Beginn

Der Anfang der 30er Jahre wurde gekennzeichnet durch Not und durch große Arbeitslosigkeit bzw. Kurzarbeit. Wer in diesen Jahren seinen Arbeitsplatz verlor, musste sich in die hoffnungslose Reihe der Millionen von Erwerbslosen einreihen. Die staatlichen Unterstützungen reichten "vorne und hinten" nicht aus. Eine Familie erhielt mit 2 Kindern 20 Reichsmark als sogenannte Arbeitslosenunterstützung pro Woche.
In dieser schweren Zeit propagierten Industrieverbände unter dem Schlagwort "Siedeln tut Not" schon 1930 den alten Gedanken der Kleinsiedlerstelle mit Selbstbewirtschaftung des Grundstückes. Damit sollte den Arbeitslosen ein "zweites Bein" in Form der Selbstversorgung ermöglicht werden. Durch Eigenanbau von Gemüse und Kartoffeln sowie Kleintierhaltung auf ausreichend Grund und Boden sollte eine, wenn auch teilweise, Selbstversorgung gewährleistet werden.

Im Jahre 1932 begannen die Verhandlungen mit der Stadt Düsseldorf. Am 5.5.1933 wurde z.B. für die Lüderitzstr. 22 der

Erbbaurechtsvertrag (10.5 MB, PDF-Datei)

Stadtarchiv Düsseldorf

zwischen der Stadt Düsseldorf und dem Düsseldorfer Spar- und Bauverein eGmbH beurkundet (Erbpacht 0,02 RM/qm). Im Sommer 1933 erfolgte die Zuteilung geeigneten Baulandes in der Gemarkung "Urdenbacher Feld" östlich von Urdenbach. 30 Parzellen mit einer Größe von jeweils ca. 2500 qm wurden projektiert und an siedlungswillige Familien in Pacht gegeben.

Darlehensversprechen (10.5 MB, PDF-Datei)

Stadtarchiv Düsseldorf

Am Rosenmontag des Jahres 1934 begann man mit dem Urdenbacher Acker (Volks- bzw. Flurbezeichnung, am 1.11.1934 benannte man diese erste Straße unserer heutigen Großsiedlung danach offiziell) ...

Stadtarchiv Düsseldorf

... mit den Ausschachtungsarbeiten. Diese Arbeiten mussten von den zukünftigen Siedlern selbst durchgeführt werden. Das Wort Eigenleistung wurde damals großgeschrieben; jede Familie musste einen großen Teil der Arbeiten selbst erbringen. Finanzielle Unterstützung erhielten sie in Form von Hypotheken in einer Größenordnung von ca. 3000 Reichsmark von der Preußischen Bau- und Bodenbank.

Vorgesehen und zugelassen waren 2 Haustypen, die sich aber nicht wesentlich unterschieden, beide in "einfacher Bauweise", d.h. ohne Strom- und Wasseranschluss. Das Wasser sollte über selbst gebohrte Brunnen bezogen werden, die Fäkalien sollten dem Garten zugeführt werden. Gegen diese Art der einfachen Bebauung wehrten sich die Siedler, die sich bereits zu einer Gemeinschalt zusammengeschlossen hatten. Unterstützt wurden sie dabei von den Industriefirmen des Düsseldorfer Südens, die es ermöglichten, dass jedes Haus seinen eigenen Strom- und Wasseranschluss bekam. Lediglich für die Fäkalien wurden Sickergruben gebaut.

Das Siedeln beginnt

Bereits im Herbst 1934 bezogen die ersten Siedler ihre Häuser, die sie in Selbstbeteiligung, jedoch mit Unterstützung der heimischen Industrie erbaut hatten. Zwischenzeitlich war die Gemeinschaft, die sich jetzt "Siedlergemeinschaft Urdenbacher Acker" nannte, dem Deutschen Siedlerbund (DSB) beigetreten. Durch diese Mitgliedschaft erfuhren die Siedler eine große Hilfe durch kostenlose Bereitstellung einer sogenannten Erstausstattung.

Damals erhielt jede Siedlerstelle vom Deutschen Siedlerbund:

  • 1 Schwein oder 1 Ziege

  • 12 Hühner

  • 24 Obstbäume

  • eine Ligusterhecke

  • einen Zaun zur Abgrenzung der Straßenfront

  • auch Klee- und Roggensamen wurde zur Verfügung gestellt

Schon damals im Jahre 1935 präsentierte sich dann die Siedlung als komplett erschlossenes Wohngebiet im Bereich der Straße Urdenbacher Acker.
In diesen Anfangsjahren lernten die neuen Siedler den Umgang mit Spaten und Sense, ebenso das Pflanzen, das Veredeln und Schneiden von Bäumen und Sträuchern.
Wenn auch die Ernte im Jahre 1935 noch kein voller Erfolg war, so war man doch stolz auf das Erreichte. Das Kleinvieh gedieh prächtig, Schafe und Ziegen deckten den eigenen Milchbedarf. Man war das geworden, was von Anfang an geplant war: Selbstversorger.

In diesem Jahr hatte sich auch die Arbeitslage gebessert. Kurzarbeiter und Arbeitslose gab es nicht mehr. Trotzdem hielten die Siedler an ihrem Selbstversorger-Prinzip lest. Von da galt es, rund 2500 qm Land zu bestellen, damit die Familie mit dem nötigsten versorgt ist. Sie pflegen und hegen ihre Siedlerstelle nach wie vor, zwar nicht mehr mit Obst- und Gemüseanbau im großen Stile als Selbstversorger, aber dennoch mit blühenden Bäumen und Sträuchern. Frühjahrsbestellung, Sommerbearbeitung und die herbstliche Erntezeit bestimmten den Ablauf des Jahres. Trotz der neuerlichen Vollbeschäftigung blieb die Siedlerstelle mehr als ein Hobby, sie war das 2. Bein der Familien durch Selbstversorgung von eigener Scholle. Aber auch gärtnerische Schönheit wurde gepflegt. Vorgärten voller Blumen und Ziersträucher beherrschten das Bild des "Urdenbacher Acker".

Frauen
Unsere Frauen für den Erntezug   © Ewe
Männer
Unsere Männer für den Erntezug   © Ewe
Erntedank 1952
Erntedankfest 1952   © Ewe
Zum Erntedankfestumzug in Urdenbach präsentierten sich die Siedler stolz mit eigenen Produkten. Ein Siedlerjahr bestand aber nicht nur aus Arbeit und Mühe, nein, man wusste auch Feste zu feiern. Kinder- und Siedlerfeste wurden gefeiert und förderten so den Gemeinschaftsgedanken.

Die Siedlung wächst

Schon im Jahre 1936 plante die Stadt Düsseldorf eine Erweiterung des Siedlungsraumes nach Osten zwischen Urdenbacher Acker und Koblenzer Straße. Hier entstand der 2. Abschnitt der Bebauung, genannt die "Neusiedlung". Der Urdenbacher Acker galt nun, bis heute, als "Altsiedlung". In Gemeinschaft der Stadt Düsseldorf und dem Spar- und Bauverein und anderen Organisationen erstellte man hier 66 neue Häuser, bei dem die Siedler wieder mit eigenen Leistungen vertreten waren. Diese Häuser waren geräumiger als die von 1934, dafür waren die Grundstücke nur zwischen 750 und 1100 qm groß. Auch für diese Neusiedler gab es Beihilfen in Form von Vieh, Bäumen und Sträuchern. Die Straßen hatte man, der damaligen politischen Lage entsprechend, nach deutschen Afrikaforschern und Handelsleuten benannt.






Es entstanden die ...

  • Petersstraße Carl Peters (1856-1918), gründete Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania, unternahm Forschungsreisen im Sambesigebiet und in Kenia (2024 Umbenennung in Eisvogelweg)

  • Leutweinstraße Theodor Leutwein (1898-1904), Gouverneur von Deutsch Süd-West Afrika, das heutige Namibia (2024 Umbenennung in Auenblick)

  • Woermannstraße Adolf Woermann (1874-1911) deutscher Reeder, wirkte beim Erwerb von Kamerun mit, noch heute ein Handelshaus in Namibia (2024 Umbenennung in Am Auwald)

  • Lüderitzstraße Franz Adolf Eduard Lüderitz- (1834-1886), erwarb 1883 die heutige Lüderitzbucht in Deutsch-Südwest Afrika = Namibia ... Stadt Lüderitz (2024: Umbenennung in An der Kämpe)

  • Meyer-Waldeck-Str. Alfred Meyer-Waldeck (1833-1905), Gouverneur von Kiautschou / Tsingtau. Verband als Weg die Peters- mit der Leutweinstraße, wurde jedoch nach dem Kriege aufgehoben. Der westliche Teil entstand später wieder als Verbindung der Leutweinstraße (neu: Auenblick) zur August-Clemens-Straße.

Im Jahre 1939 wurde wieder erweitert. Diesmal wurden im Gegensatz zu früher keine Doppelhäuser, sondern Einzelhäuser gebaut. Diese Häuser entstanden im westlichen Teil der Lüderitzstraße (Neu: An der Kämpe) und in der neuen

  • Solfstaße Dr. Will Solf (1862-1936), Gouverneur der Deutschen Kolonie Samoa.

Mit diesen "neuen" Siedlern vergrößerte sich die Gemeinschaft auf 120 Familien, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder aus allen Gesellschaftsschichten kamen; geleitet von dem Gedanken des Eigenheims und des last "ländlichen" Lebens im Grünen.
Obwohl einige Urdenbacher Bürger den Siedlern da "am Acker" anfangs nicht gerade wohl gesonnen waren, entstand doch mehr und mehr eine Anbindung an das "Dorf". Die Frauen orientierten sich bei ihren Einkäufen immer mehr an Urdenbach. Die Kinder besuchten dort die Schulen. So wurden viele freundschaftliche Beziehungen geknüpft. Die Kleintierhaltung, Gänse, Hühner, Schweine, Schafe und Ziegen prägten damals das Siedlungsgebiet. Man nahm regelmäßig am Erntedankfest teil oder wurde selbst Mitglied in einem Urdenbacher Verein. Es gibt auch heute fast keinen Urdenbacher Verein, der nicht Mitglieder aus unserer Siedlung hat.

Die Siedlergemeinschaft nimmt alljährlich am großen Erntedankfestumzug in Urdenbach teil

Mit viel Engagement und privaten finanziellen Mitteln werden Erntewagen, große und kleine Schürreskarren geschmückt. Dabei spielt das Wetter auch für die Fußtruppe gar keine Rolle. Bei Sonne, Regen, Wind und Schnee, die Siedler mit ihrer Brauchtumsgruppe dem Siedler-Treff sind immer mit viel Freude dabei.
Mittlerweile konnte die größte Erntedankgruppe Urdenbachs seit Ende der 70er sieben Blotschenkönigspaare stellen, die allesamt der Siedlung zu einem positiven Ansehen im Dorf mit Herz verholfen haben.
Es handelt sich hierbei um folgende Ehepaare: Heil, Weintz, Müller, Holtschneider, Meinhold, Nigge und Lahme-Wyen zuletzt im Jahre 2007.
Siedlung und Alt-Urdenbach sind heute zusammengewachsen: gesellschaftlich und auch räumlich, da die ab 1947 von Mitgliedern unserer Siedlung (Franz Lieder und Willy Ewe) gegründete Schloßparksiedlung auch die räumliche Lücke schließt.

Rechtzeitig vor dem 2. Weltkrieg wurde dann auch die vorläufige Straßenbedeckung für den Urdenbacher Acker, die Lüderitzstr. und die Solfstraße bestätigt:

Der 2. Weltkrieg

Am 1. September begann der 2. Weltkrieg. Verdunkelung war angesagt. Täglich brachte der Postbote neue "Stellungsbefehle" für Männer, Brüder und Söhne unserer Siedlerfamilien. Zurück blieben die Siedlerfrauen mit ihren Kindern und den wenigen Männern, die als unabkömmlich galten.
Schon das Frühjahr 1940 brachte dann die ersten schweren Belastungen für die alleingelassenen Siedlerfrauen. Hatte bisher der Ehemann Haus und Garten bestellt, waren es jetzt die Frauen und Kinder, die Hacken, Spaten und Rechen in die Hand nehmen mussten, um den Garten zu bearbeiten.

Der "Gemeinschaftssinn" bewies sich aufs Neue: Männer, die noch nicht zum Militär gerufen waren, waren überall dort zur Stelle, wo ein Mann für schwere Arbeit in Haus und Garten fehlte. Also begann man im ersten Viertel des Kriegsjahres 1940 damit, Vorgärten und Rasenflächen "neu" zu kultivieren: statt Blumen und Ziersträucher jetzt Kartoffeln und Gemüse, statt Rosen jetzt Kohl und Kohlrabi. Steintöpfe und Einweckgläser waren damals die Vorratstruhen unserer Frauen. Man lernte aus Früchten leckeren Most und Marmelade zuzubereiten.
Kleintierhaltung, welche Mitte der 30er Jahre etwas ins Hintertreffen geraten war, kam wieder zu neuer Blüte. Schweine, Schafe, Ziegen, Kaninchen und Hühner machten die Siedler teilweise zu Selbstversorgern.
Das Futter für die Hühner gab es in den ersten Kriegsjahren noch bei den Bauern in Urdenbach und Garath, das Futter für die Kaninchen schafften die Kinder herbei. Zum Leidwesen dieser Kinder wanderten dennoch diese Hansis und Haschen in den Topf, in einer Zeit, wo man nur noch von den Abschnitten "F3 -Fett" und "B5 -Brot" der Lebensmittelkarten leben musste.

Wunden des Krieses

Der Krieg ging auch sonst nicht spurlos an unserer Siedlung vorbei. Mehr und mehr Männer, Brüder und Söhne wurden zum Kriegsdienst einberufen. Am 1. März 1941 wurde unsere Siedlung sehr schwer getroffen. Die erste Fliegerbombe im Süden von Düsseldorf fiel im ältesten Teil unseres Gebietes, auf dem "Urdenbacher Acker". Zwei Kinder (13 und 15 Jahre) sowie eine Siedlerfrau waren als Opfer einer einzigen, verirrten Bombe zu beklagen.

Mitte 1941 wurde dann der Bauvertrag für den Bunker an der Urdenbacher Allee mit der Firma geschlossen - rückwirkend zum 9.12.1940. Dieser zählte zu den Kleinbunkern (Betonsplittergraben) und war für 150 Menschen geplant.

Im gleichen Jahre wurde in den Feldern südlich unserer Siedlung eine große Flakstellung (in Höhe des Judenfriedhofes) angelegt. Nun war es nicht nur der allnächtliche Lärm der Sirenen, sondern auch der Kanonendonner der Flak, der viele Siedlerfrauen mit ihren Kindern in die drei Schutzbunker trieben, die man am Urdenbacher Acker, an der Woermannstraße und an der Sodenstraße errichtet hatte.

Am 1. August 1942, die Bombenangriffe in Deutschland hatten weiter zugenommen, traf es unsere Siedlung erneut. Diesmal war es besonders hart. Man wartete in den Kellern und Bunkern bereits auf das Signal "Entwarnung", als eine schwere Luftmine auf das Eckgrundstück Solfstraße / Lüderitzstraße niederging. Sieben Häuser wurden total und mehr als 60% der umliegenden Häuser, teilweise bis zur Unbewohnbarkeit, zerstört.
Die Bilanz dieser schrecklichen Nacht waren 4 Siedlerfreunde, die als Opfer zu beklagen waren. Hinzu kam eine ganze Anzahl Leicht- bis Schwerverletzter in den betroffenen Straßen. Viele der bombengeschädigten Siedler fanden eine Behelfsunterkunft in unserer Siedlung, sowie bei Nachbarn in der näheren Umgebung. Andere Bombengeschädigte aber wurden mit ihren Kindern in andere Reichsteile "evakuiert", wo sie sicherer waren.

In der Mitte dieses schrecklichen Krieges hatte man auf den Feldern seitlich der Soden- und Woermannstraße ein Lager der Organisation Todt (OT), errichtet. In diesem Lager waren auch russische Offiziere untergebracht. Diese halfen auch mit, wenn alliierte Jagdbomber parallel zu den Zügen flogen und diese beschossen, die Verwundeten zu bergen und zu pflegen. Die Kinder mussten damals viel Blut ansehen.
Dieses Lager wurde dann im Winter 1944/45, als die Alliierten die linke Rheinseite erreichten, das Ziel von Beschüssen. Im Frühjahr 1945 waren dadurch nochmals 4 Todesopfer zu beklagen. Doch auch diese schwere Zeit fand ein Ende.

Nachkriegsjahre

Am 12. April 1945 war alles vorbei -- der schreckliche Krieg war beendet. Amerikanische Panzer, aus dem Süden kommend, fuhren über die Koblenzer Straße in Richtung Düsseldorf. Die Pflicht-Hakenkreuzfahnen wurden entfernt und durch weiße Betttücher ersetzt.
Die Bunker wurden von den Siedlern ausgeräumt, um das zerstörte Mobiliar als Brennholz zu verwenden (noch später zierten Bänke "Made in Bunker" unsere Gärten).

Jetzt hieß es hoffen und warten. Warten auf Männer, Väter, Söhne. Aus den Gefangenenlagern kamen die ersten Nachrichten. Für viele unserer Siedlerfrauen erfüllte sich die Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Lieben nicht. Vater und Söhne blieben verschollen oder ließen ihr Leben.
Ihnen gilt heute unser besonderes Gedenken.

Lebensmittelkarte
Lebensmittelkarte   © Ewe
Nun galt es: Überleben. Die Versorgungslage war sehr schlecht, die Gärten mangels Saatgut nicht bestellt. Es begann die Zeit der großen Hamsterfahrten. Omas altes Porzellan, Pelzmäntel und Bettwäsche nahm man mit aufs Land, um bei Bauern am Niederrhein und bis hinauf nach Niedersachsen etwas Milch oder Kartoffeln zu erwerben. In der Siedlung gefertigte Konservendosen wurden an der Weser gegen Kartoffeln getauscht. Mancher riskierte sein Leben auf den Dächern und Trittbrettern der Hamsterzüge, und wer noch ein Fahrrad besaß, radelte tagelang für einen halben Zentner Kartoffel oder ein paar Eier.
Einige Siedlerfrauen verdienten sich ein Zubrot, indem sie für die Besatzungstruppen in Garath und im Musikantenviertel Kleidung wuschen und bügelten. Waschen und Bügeln dieser Uniformen brachten als Entlohnung Fett, Mell, Schokolade und Zigaretten in manches Siedlerhaus.

Das Gemeinschaftsdenken ging auch in dieser schweren Zeit nicht verloren. Nachbarn und Freunden wurde ausgeholfen. Militär-Kleidungsstücke wurden umgefärbt. Mancher einer der älteren Generation, damals Kinder, wurde so eingekleidet. Anstelle von Spaß und Spiel sammelten die Kinder Bucheckern und vergnügten sich beim Ährenlesen (in Urdenbach funktionierte noch die Mühle). Ebenso wurden die abgeernteten Kartoffelfelder nachgeharkt ... auch wenn der für uns Kinder unbeliebteste Mann in Urdenbach, Schutzmann Wingartz, aufpasste. Trotzdem: Die heimgekehrten Männer bauten schon im Frühjahr 1946 den ersten Tabak an. Es wurde getrocknet, fermentiert, geschnitten und weitergeraucht.
In manch einem Haus wurde "schwarz" geschlachtet, ein Vergehen, welches natürlich längst verjährt ist. Ebenso wurden Beerenwein und Schnaps hergestellt. In manchem Siedlerstall oder -keller gärte und brodelte es, um den begehrten Schnaps, den Cherry / Knolli-Brandy herzustellen.

Tausche gegen …

… war die Devise: Schnaps gegen Kaninchen, Ami-Zigaretten gegen Kartoffeln.
Auf der Koblenzer Straße, der "Landstrasse", hielten oft die Konvois der Amerikaner. Alles, was glänzte, wurde gegen Maisbrot, braunem Zucker, Schokolade usw. von den Kindern bei den Soldaten, vorwiegend Farbigen, eingetauscht. Als Brotaufstrich gab es den beliebten "Brotpudding", den ein Kleinbetrieb in einem der verlassenen Baracken herstellte. Großzügig gegenüber den Siedlerfamilien zeigte sich der Hersteller, ein Urdenbacher, dem viele Siedlerfamilien dankbar für seine Hilfe waren.

Zu dieser Zeit begann auch die Belegung von Wohnraum in den noch intakten Häusern und Baracken durch Bombengeschädigte und Heimatvertriebene.
Es war eine Zeit, in der es auch nachts hieß, sein Eigentum zu schützen. Diebstähle in Stallungen und Gärten, ausgeführt durch Fremde, nahmen überhand. So entschlossen sich die Siedler im Spätherbst 1946, regelmäßige Nachtwachen durchzuführen. Die Männer und die männliche Jugend gingen in Gruppen und paarweise durch unsere nächtliche Siedlung.

Langsam ging es doch bergauf. Man bekam zwar noch nicht alles auf Abschnitten der Lebensmittelmarken, aber es besserte sich zusehends. Die tägliche Kalorienration für den erwachsenen Bürger wurde im Winter 1947 erneut geändert.

Danach bekam jeder Erwachsene täglich:
18 g Zucker
18 g Mandeln
5 g Butter
5 g Kase
350 ml Magermilch
9 g Ersatzkaffee
27 g Gries
375 g Brot
30 g Wurst und Fleischwaren
14 g Stärkeerzeugisse (Pudding)

Beim Tausch mit den Engländern galt:
1 Ei = 10 Reichsmark = 1 Lot Bohnenkaffee.
Ein Pfund Butter kostete damals 250 Reichsmark.
Eine schwere Zeit, die viele Siedler dank ihrer Gärten und Kleintierhaltung mehr schlecht als recht überstanden. Aber auch diese Zeit ging einmal zu Ende.

Währungsreform 1948

Mit der Währungsreform gab es neues Geld und neuen Mut! Mit DM 40,- fing alles wieder an. Man konnte nun hoffnungsvoll in eine neue Zukunft schauen.
Vorbei war die Zeit, da man aus Wolle alter amerikanischer Zuckersäcke neue Pullover strickte. Die Häuser konnten renoviert und vergrößert werden, meistens ohne sich um die Baupolizei zu kümmern. Aber das ist verjährt!

In Vorgärten, die viele Jahre als Gemüsebeete benutzt worden waren, spross wieder die alte Blumenpracht. Auch das gesellige Leben erblühte nun wieder in der Gemeinschaft. Hatte man in den kargen Jahren wohl kleinere Feste gefeiert, so kehrte man zum alten Brauch der Siedlerfeste zurück. Man beteiligte sich auch wieder an den Erntedankfestumzügen, leierte Straßen- und Kinderfeste. Im Frühjahr beteiligte man sich auch wieder an den Urdenbacher Karnevalsumzügen.

Die ersten Geschäfte unserer Siedlung

Inzwischen war die zweite Generation herangewachsen. Die Häuser wurden erweitert. Aus Ställen und Waschküchen wurden Wohnräume für den Nachwuchs. Das Leben war wieder lebenswert. Mit der Zeit gewann unsere Siedlung einen hohen Wohnwert. Nur mit den Straßen war es nicht vom Besten. Ob am Urdenbacher Acker oder an der Sodenstraße: Schlaglöcher und Matsch. Ein Grund für die Siedler, ihren Wagenbeitrag zum Karnevalsumzug mit dem Motiv "Sodenbach" zu schmücken.

Kaufmann Jeckel
Wohnhaus Kaufmann Jeckel   © Ewe
Bereits im Winter des Jahres 1946 eröffnete im alten Schutzbunker an der Woermannstraße ein Kaufmann (Jeckel) das erste Lebensmittelgeschäft in unserer Siedlung. Nach Aufhebung der Lebensmittelrationierung und der ersten Bundestagswahl im Jahre 1949 kamen dann im Zuge der freien Wirtschaft die ersten Kleingewerbe-Betriebe.
In den 50er Jahren gab es innerhalb unseres Siedlungsgebietes eine ganze Reihe solcher Läden und Verkaufsstellen. Da waren ein Friseur, eine Metzgerei, eine Leihbücherei, ein Konditor, eine Verkaufsstelle für Brot und ein Schuhmacher. Nicht zu vergessen die kleinen Hauskioske, die Getränke, Süß- und Tabakwaren zum Verkauf anboten. Ein Elektromeister (Cosson) gründete sein Geschäft, das nun schon seit über 50 Jahren besteht.

Die Geschäftsleute und Händler außerhalb unserer Siedlung machten große Anstrengungen, um durch guten Kundendienst ihre Käufer in unserem Gebiet zu finden. Anfang der 50er Jahre gab es dann vier verschiedene Bäcker und drei Gemüsehändler, die Ihre Waren anboten.
Ein blinder Urdenbacher Händler (Mostert) ging regelmäßig durch unsere Straßen und bot Seifenartikel an. Auch Milch wurde wieder ins Haus geliefert.

Doch zurück zum Jahre 1950. In dieser Zeit wurde bereits eine Vergrößerung der Siedlung vorgenommen. In Zusammenarbeit mit der Stadt Düsseldorf, dem Deutschen Siedlerbund und dem Versehrtenwerk wurden in der verlängerten Petersstraße, sowie in der neuen

  • Finschstraße Otto Finsch (1839-1917), Ethnograph und Ornithologe, unternahm Forschungsreisen in der deutschen Kolonie Kaiser-Wilhelm-Land, heute Nord Papua - Neu Guinea.

Einzel- und Doppelhäuser für Kriegs- und Schwerbeschädigte errichtet. Diese Leute konnten zwischen 1952 und 1954 ihre neuen Häuser beziehen.
Ein großes Problem für die gesamte Siedlung war und ist die Verkehrsanbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Benrath und weiter nach Düsseldorf. Zwar hatte die Rheinbahn in den 50er Jahren eine Buslinie bis zum Bunker am Urdenbacher Acker geführt. Diese Linie wurde bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Die Siedler konnten nur zu Fuß oder mittels Fahrrad nach Benrath kommen. Viele erinnern sich noch an die große Fahrradwache am Anfang der Hauptstraße (Rocholl).
Eine neue Buslinie, die 77, wurde Ende der 50er Jahre von Opladen nach Düsseldorf eingerichtet. Diese Linie hielt an der Sodenstraße.

Die 1. Zwischenbebauung und die Straßenverbreiterung

Ende der 50er Jahre begann man mit der ersten Zwischenbebauung am Urdenbacher Acker. Die "Altsiedler" traten jeweils ca. 800 m2 für die neuen Siedlerstellen (Grundstücke) ab.
In den Jahren 1959 - 1964 glich unsere Siedlung einer Großbaustelle.

Stadtarchiv Düsseldorf

Stadtarchiv Düsseldorf

Die erste Zwischenbebauung am Acker und der Bau der Kanalisation im Zuge des Anschlusses der Garather Siedlung zogen sich dann bis Ende der 60er Jahre hin.

Die Zeit der Sickergruben war endgültig vorbei. Gleichzeitig wurden endlich unsere Straßen hergerichtet. Die Schlaglochalleen verschwanden. Dies dauerte schließlich jedoch bis Januar 1970!

Rheinbahn Linie 60
Zeitungsausschnitt 13.11.1962   © Stadtarchiv Düsseldorf
Zwischenzeitlich ging es auch um den Ausbau des Urdenbacher Ackers für eine geplante Bus-Linie 60, die von der Rheinbahn im November 1962 angekündigt wurde:

Stadtarchiv Düsseldorf

Da die Straße jedoch nur 3,50 m breit war, musste diese verbreitert werden. Dazu wurden nach Zustimmung der Siedler Randstreifen der Grundstücke (ca. 1,0 m) aus den Pachtverträgen entlassen und der Straße zugeschlagen. Auch dieser Vorgang zog sich mehrere Jahre hin.
Im Januar 1963, nachdem die Siedlergemeinschaft der Abtretung der Steifen zugestimmt hatten, wurde dann der Ausbau des Urdenbacher Ackers beschlossen:

Stadtarchiv Düsseldorf

Doch halt, so schnell geht das alles nun wirklich nicht!
Im Februar 1963 wurde festgestellt, dass man könnte, wenn man wollte, und rechtlich prüfen müsse man das wegen der Abtretung auch noch. Erst im Oktober 1969 waren dann alle Grundstücke rechtswirksam abgetreten, und lle offenen Fragen geklärt, so dass nun mit dem Bau der Straße und der Kanalisation begonnen werden konnte.

Stadtarchiv Düsseldorf

Mitte 1969 wurden diese Fotos aufgenommen:

Straßenzustand
UA nördlich des Bunkers (Mitte 1969)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Straßenzustand
UA Richtung Kammeratsfeldstr. (Mitte 1969)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Foto vom 3.5.1969
UA Ecke Lüderitzstraße (3.5.1969)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Foto vom 3.5.1969
Südlicher UA Richtung Bunker (3.5.1969)   © Stadtarchiv Düsseldorf
In einigen Straßen erhielten wir die schmalsten Bürgersteige Düsseldorfs (0,5 m breit). Auf dem UA war dieser östliche ursprünglich auch nicht als Bürgersteig gedacht, sondern als Abgrenzung/Stabilisierung der Grundstücksgrenzbebauung mit Mäuerchen und Zäunen:
Bau der Straßen
UA Ecke Lüderitzstr. im Bau (21.1.1970)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Straßen im Bau
UA Richtung Kammeratsfeldstr. im Bau (21.1.1970)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Straßen im Bau
Stichstraße zum TSV (21.1.1970)   © Stadtarchiv Düsseldorf
Übrigens: die Buslinie 60 wurde nie realisiert...

Die 60er Jahre waren aber auch die Zeit, wo Verwaltungsbeamte der Stadt glaubten, dass Siedlungen in unserer Stadt nicht mehr zeitgemäß wären und eine wesentlich dichtere Bebauung mit Mehrfamilienhäusern wie dem neuen Garath angezeigt wäre. Anhaltende Proteste des Deutschen Siedlerbundes für unsere Gemeinschaft haben dann doch den Siedlungscharakter bewahren können.

Im Jahre 1969 wurde dann der Gedanke geboren, dass Siedler Teilflächen aus ihren Erbbaugrundstücken erwerben könnten. Die Kreisgruppe Düsseldorf des Deutschen Siedlerbundes (heute der Kreisverband Verband Wohneigentum) übernahm dann die langwierigen Verhandlungen mit der Stadt, die sich bis 1974 hinzogen. Endlich konnten die Siedler ca. 500 qm ihrer "eigenen" Grundstücke zu einem günstigen Preis erwerben. Der Rest war Grabeland bzw. Bauland für die weitere Zwischenbebauung.

Die 2. Zwischenbebauung

Durch die Fortschreitende Modernisierung der Bestandsgebäude und dem Wechsel der Lebensgrundlage von Selbstversorger auf familiengerechtes Wohnen kam dann 1971 das Thema der Verdichtung und der Erbpachtzinsen auf:

Mitte der 70er Jahre erfolgte dann mehrmals die Vorlage von Bebauungsplänen seitens der Stadt, die aber von den Siedlern nicht akzeptiert wurden. Erst der vierte Plan, nach einer vom damaligen Vorstand der Siedlung "Urdenbacher Acker" erstellten Vorlage, der aus gewaltig geplanten Wohnblocks Einfamilienhäuser machte, fand Zustimmung. Nur mit großen Anstrengungen des Vorstandes gegen diese Stadtplanung konnte die Siedlung durch eine weitere Verkleinerung der Parzellen auf die heutigen Größen um ca. 90 Eigenheime erweitert werden, von denen ca. 1/3 den Kindern der Siedler zugesprochen wurden.

Die Siedlung und der Siedlungscharakter waren gerettet und es entstanden weitere Straßen:

  • An der Ziegelei In der Nahe lag der alte Ziegel-Ringofen der Fira Voller

  • Adolf-Kolping-Straße Adolf Kolping (1813-1865); Gründer der Gesellenvereine, Ersatz für eine Straße am Benrather Bahnhof, die aufgelöst wurde

  • Franz-Lieder-Straße Franz Lieder "Siedlervater", Mitgründer der Schlossparksiedlung

  • Heinrich-Opladen-Str. Heinrich Opladen, Studienrat am damaligen Humanistischen Gymnasium Benrath, heute Schlossgymnasium, Mitgründer des Heimatmuseums

  • August-Clemens-Straße Franz Lieder "Siedlervater", Mitgründer der Schlossparksiedlung August Clemens, Schulrektor in Urdenbach.

Aus einer Satzung und Merkblatt des deutschen Siedlerbundes (verm. aus den 1970er Jahren) findet sich noch folgende Wirtschaftsordnung für Kleinsiedlungen:

Die 70er und 80er Jahre waren auch die Jahre der großen Siedlerfeste sowohl im Jägerhof in Urdenbach, im St. Norbert Saal als auch in einem Festzelt am Sportplatz. In den 90er Jahren begannen unsere gemeinsamen Ausflüge und Reisen. Wir fuhren nach Paris, London, Wien. Es folgten Fahrten zu den Schlössern der Loire, in die Toskana, Bretagne, Camarque, nach Schottland, England, Irland, Schweden, St. Petersburg, nach Ostpreußen mit Königsberg und den Masuren, zum Nordkap, nach Sizilien, Kreta, Andalusien, Madeira und ins Baltikum.

Hinweis:Unterlagen zu den Festen und den Festschriften finden sich im Mitgliederbereich.