Selbstversorgung in den Siedlergemeinschaften

frisch gezogene Karotten, noch mit Sand bedeckt
© Pixabay

Masterarbeit erfolgreich abgeschlossen

Welche Rolle spielt Selbstversorgung aus dem eigenen Garten heute in den Berliner Siedlergemeinschaften und was bedeutet diese Idee den Mitgliedern? Eine neue Studie schafft Klarheit.

Zur Gründungsidee der Siedlergemeinschaften in den 1920er Jahren gehörte der Selbstversorgungsgedanke. Lange vor der Erfindung der Supermärkte und kurz nach dem ersten Weltkrieg standen kostengünstiges Wohnen und Selbstversorgung durch Nutzgartenanbau im Mittelpunkt. Auch heute erfreut sich der Selbstversorgungsgedanke großer Beliebtheit. In Städten gibt es diesbezüglich verschiedene Möglichkeiten, die hohe Potentiale für die Nachhaltigkeit bergen. Das wollten wir genauer wissen und haben das Thema im Rahmen einer Masterarbeit untersuchen lassen. Stefanie Schiffer, Masterandin an der HWR Berlin im Studiengang Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement, führte daher in ihrer Abschlussarbeit eine Befragung durch.

SELBSTVERSORGUNG IN DER STADT

Die Masterarbeit stellt drei Möglichkeiten der Selbstversorgung vor. Allgemein geht es beim Begriff Selbstversorgung darum, einen Teil der Lebensmittel im eigenen Garten selbst anzubauen oder aus Eigenproduktion regional zu beziehen. In Gemeinschaftsgärten (Urban Gardening) engagieren sich ferner verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen. Die Gemeinschaftsgärten sind durch das ehrenamtliche Engagement der Gärtner*innen geprägt. Einen etwas anderen Ansatz verfolgt die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Hier erfolgt die Selbstversorgung eher im übertragenen Sinn: Eine Gruppe von Verbraucher*innen schließt sich mit einem landwirtschaftlichen Betrieb zusammen. Alle Mitglieder zahlen einen festen Beitrag, der die Kosten des Betriebs deckt und teilen die Produktion unter sich auf. Das bedeutet, dass die Mitglieder das abnehmen, was geerntet wird. Wir haben uns gefragt: Wie sieht Selbstversorgung in unseren Siedlergemeinschaften aus? Welche Rolle spielt sie und welche Motivation haben die Siedler*innen?

BEFRAGUNG IM SOMMER 2020

Stefanie Schiffer ist diesen Fragen für uns nachgegangen. Wir hatten in der Juli- Ausgabe 2020 von "Familienheim und Garten" zur Beteiligung an der Umfrage aufgerufen. Unserem Aufruf kamen sieben Siedlergemeinschaften nach. Allen, die mitgewirkt haben, möchten wir unseren Dank aussprechen: Die hohe Beteiligung an der Umfrage war eine großartige Unterstützung für uns und die Masterandin. Einen besonderen Dank sprechen wir den Vorständen der teilnehmenden Siedlergemeinschaften aus, die unermüdlich die Papierfragebögen ausgeteilt und wieder eingesammelt haben. Auch unseren beiden Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle gebührt Dank. Sie haben die Fragebögen gedruckt, kopiert, verschickt und die Rücksendung koordiniert.

ERGEBNISSE DER BEFRAGUNG

Leider können wir in diesem Artikel nicht alle Ergebnisse im Detail vorstellen. Aber drei Ergebnisse möchten wir gerne präsentieren (s. auch Tabellen 1 - 3). Die Sortenvielfalt in den Gärten unserer Siedlerfreund*innen ist enorm: Bis zu 54 verschiedene Sorten werden in den Familiengärten angebaut. Dabei zeigen sich klare Schwerpunkte nach Kategorien: Jeweils über 90 Prozent bauen Obst und Gemüse an. Aber auch Kräuter, Salat und Kohl erfreuen sich großer Beliebtheit. Immerhin 9 Prozent der Befragten bauen Melonen an. Die meisten Befragten bauen 10 bis 30 verschiedene Sorten an. Allein diese Zahl ist beeindruckend und zeigt, dass der Selbstversorgungsgedanke in den Siedlergemeinschaften lebt.

Diagramm Anzahl der angebauten Sorten
© K. Gapp-Schmeling

Dabei profitieren die Mitglieder voneinander und unterstützen sich gegenseitig durch Wissensaustausch, die gemeinsame Nutzung von Gartengeräten und bei der Ernte. Hier zeigt sich die Stärke der Siedlergemeinschaften.

Diagramm Unterstützung in den Siedlergemeinschaften -Wissensaustausch, Ernte, Anschaffung teurer Gartengeräte, Sonstiges
© K. Gapp-Schmeling

Außerdem untersuchte Frau Schiffer die Frage nach der Motivation für den Nahrungsmittelanbau in den Siedlergemeinschaften. Die überwiegende Mehrheit nutzt den Anbau zur Entspannung und Lebensfreude. Für etwa die Hälfte spielt die Transparenz in der Lebensmittelproduktion eine wesentliche Rolle. Insgesamt zeigt sich auch hier die Vielfältigkeit unserer Mitglieder.

motivation für den Nahrungsmittelanbau
© K. Gapp-Schmeling

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Die Befragung hat außerdem erneut gezeigt, dass unsere Siedler*innen wichtige Beiträge zu den Nachhaltigkeitszielen der UNO leisten. Dies zeigt die Tabelle.

Tabelle Beiträge zu den Nachhaltigkeitszielen
© K. Gapp-Schmeling

ENERGIEVERSORGUNG

Ein sehr wichtiges Nachhaltigkeitsziel ist die klimaschonenende Energieversorgung. Neben der Vermeidung von schädlichen Treibhausgasen geht es auch um Anpassungsmaßnahmen an die bereits eingetretene Klimaveränderung. In beiden Bereichen wollen wir unsere Mitglieder unterstützen. Auch hier zählt die Stärke der Siedlergemeinschaft. Wir planen in diesem Jahr Kurzanalysen zu den Möglichkeiten einer klimafreundlichen Energieversorgung für ausgewählte Siedlergemeinschaften.

MACHEN SIE MIT!

Interessierte Siedlergemeinschaften sind aufgerufen, sich in der Geschäftsstelle des Landesverbands zu melden. Nach der Kurzanalyse können wir auch bei den nächsten Schritten unterstützen.

Dr. Katharina Gapp-Schmeling