Odenkirchen

Gründung der Siedlergemeinschaft



Das Siedlerwesen in Odenkirchen begann auf der Kamphausener Höhe im Jahre 1932.
Damals entschied sich die Stadtverwaltung Gladbach-Rheydt auf Grund der herrschenden allgemeinen Notlage (Weltwirtschaftskrise) ein ihr gehörendes Gelände zwischen der Kamphausener Straße und der Heerstraße für Siedlungszwecke zur Verfügung zu stellen und Arbeitslose, deren Zahl noch höher war als zu Beginn des 21.Jahrhundert, zum Bau von Eigenheimen einzusetzen. 22 kinderreiche Bauwillige waren bereit 11 Doppelhäuser in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit zu erstellen. Schon im Jahre 1933 konnten die ersten Häuser der alten Siedlung bezogen werden.

Die Geburtsstunde unserer Siedlergemeinschaft war am 07.November 1947 in der Heimatklause in Odenkirchen.

Das Gelände, auf dem unsere Siedlung steht, war ehemals Kirchenland. Im Jahre 1938 mussten die evangelische und die katholische Kirchengemeinde auf Druck der damaligen Regierung das ihnen auf der Kamphausener Höhe gehörende Land an die Stadt abtreten. Die Stadt erwarb etwa 32 Morgen Land zum Preis von 1.000,- Reichsmark je Morgen und verpflichtete sich im Gegenzug, dieses Land innerhalb von 5 Jahren ausschließlich zu Siedlungszwecken zu verwenden.
Nach der Ernte 1938 wurden Kanal- und Wasserleitungen in Teile des heutigen Försterwegs und Elsternwegs gelegt. Der Beginn des 2. Weltkrieges am 01.09.1939 beendete zunächst die Arbeiten.
Die Not am Ende des Krieges war unbeschreiblich. Es fehlte an allem, besonders an Nahrung, Kleidung, Arbeitsplätzen und Wohnungen. Es dauerte noch bis zum Jahre 1949 bis mit einem Darlehen der Stadt Rheydt in Höhe von 200,000,- DM für nicht zu beschaffende Hypotheken mit dem Bau begonnen werden konnte.
Klar war von Anfang an, dass ein großer Teil der Arbeiten in gemeinschaftlicher Selbsthilfe erbracht werden sollte. In den „Satzungen für die Selbsthilfe der Siedlergemeinschaft Odenkirchen“ verpflichtete sich jeder Siedler zur Selbsthilfe, die sich aus geleisteter Arbeit und dem angesparten bzw. monatlich einzuzahlenden Stammkapital zusammensetzte. Für jede geleistete Arbeitsstunde wurde 1 Punkt, für jede bar eingezahlte DM (bis zum Höchstbetrag von 50,- je Monat) ein halber Punkt angerechnet.

Baubeginn


Am 28. Juni 1949 wurde mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen. Eine Gruppe am Försterweg, eine Gruppe am Kelzenberger Weg.

Aber es waren nicht Bagger, die die Baugruben aushoben, sondern ein Heer von 30 bis 40 fleißigen Siedlern, die allabendlich nach Arbeitsschluss in den Betrieben und Fabriken zu den Baustellen kamen. Mit Hacke und Schaufel wurde in mühsamer Handarbeit Keller für Keller ausgehoben.
Im Garten der Familien Kivelitz und Mones (heute Peschke) auf dem Kelzenberger Weg gruben die Siedler ein Kiesloch. .

Aushub einer Kiesgrube, Kelzenberger Weg   © Archiv
Der Kies wurde in Loren gefüllt und über die erste und wohl einmalige Schienenbahn der Kamphausener Höhe zu den ausgehobenen Baugruben transportiert. Dort diente der Kies mit Sand und Zement dazu, die Fundamente und Kellerwände zu gießen. Mit der ausgehobenen Erde wurde nach und nach die Kiesgrube wieder verfüllt. Auf dem Gelände zwischen dem Kelzenberger Weg und dem Elsternweg befanden sich auch ein kleiner Teich, „dat Elsterküllke“ und ein kleiner Bach, dessen Quelle im Garten der Familie Scholzen auf dem Elsternweg gewesen sein muss. Beide sind verschwunden, aber vor ein paar Jahren hat ein Wünschelrutengänger im Garten von Kivelitz eine Wasserader geortet, die für allerlei sonderbare Ereignisse verantwortlich gemacht wird.

Am 25.Juli 1949 wurde dann am Haus des Siedlerfreundes Christian Bodden der Grundstein gelegt.
Weiter ging es, alles in Handarbeit. Durchschnittlich arbeitete jeder Siedler täglich 3 Stunden am Bau, neben seiner normalen Arbeit von mindestens 8 Stunden, macht zusammen 11 Stunden, für die meisten kamen mit den Wegzeiten, die zu Fuß oder dem Fahrrad zurückge-legt wurden, täglich 12 und mehr Stunden zusammen. Die körperliche Belastung war enorm, zumal viele nicht im Baufach zu Hause waren. Auch die Jungen machten mit, ab 16 Jahre durfte man auf dem Bau arbeiten und damit die wertvollen Arbeitsstunden leisten. Heinz Kivelitz erinnert sich, dass er zusammen mit dem Wilfried Nilges und dem Dieter Rudolph eine „Jungarbeiterkolonne“ gebildet hat, die den ganzen Elsternweg mit gebaut hat. Die Arbeitsstunden wurden den Familien gutgeschrieben; 3.000 Stunden musste man haben. Fehlende Stunden mussten zum Kaufpreis dazu gezahlt werden.

Ausschachtungs- und Kellerarbeiten auf dem Elsternweg   © Archiv
Ausschachtungs- und Kellerarbeiten auf dem Elsternweg   © Archiv





Eine der wichtigsten Anlaufstellen war die Schreinerei auf dem Elsternweg, die auf dem Gelände des heutigen Garagenplatzes am Anfang des Elsternwegs neben dem Wohnblock stand. Hier wurden - unter der Leitung des Schreinermeisters Josef Schmitz - Schalungsbretter, Dachbalken und –latten, Fußbodenbretter, Treppen oder was sonst noch an Holz auf der Siedlung benötigt wurde, gesägt, zugeschnitten und bearbeitet.
Schreinerei und Versammlungsplatz, Elsternweg   © Archiv
In der Baubude saßen die Bauleiter, Franz Schleuter und später Ludwig Benthien. Bei ihnen oder dem langjährigen Vorsitzenden Paul Lamsfuß mussten sich die Bauarbeiter zu Arbeitsbeginn anmelden, nach Arbeitsende abmelden und wurden im Baubuch erfasst.Die Schreinerei war aber auch der erste Versammlungsplatz, der erste Biergarten der Siedlung. Hier traf man sich nach der Arbeit, trank ein wohlverdientes Bier. Sicher waren die Arbeit, die Probleme am Bau und der Arbeitsfortschritt das wichtigste Thema, aber man hatte auch viel Spaß miteinander. An einem dieser feuchtfröhlichen Abende stritten die anwesenden Siedler, wer wohl das dickste Schwein habe. Ein junger Bauhelfer wurde losgeschickt, den Bauchumfang der Schweine zu messen (Jeder musste damals ein Schwein halten). Danach gab es die nächste Runde; natürlich gab es auch Palaver, denn es ging um wenige Zentimeter (Bauchumfang).


Es begann die Zeit der Gemeinschaft.


Viele wunderschöne Bilder lassen die Zeit von damals lebendig werden. Bilder von einer wachsenden Siedlung, fleißigen Männern, aber wo waren die Frauen und die Kinder.
Schon während des Krieges waren es die Frauen, die nicht nur drei oder mehr Kinder ver-sorgen mussten, sondern nebenbei noch in Fabriken schufteten. So war es auch in der Sied-lungsphase. Die Frauen kümmerten sich meist alleine um den Haushalt, die Kinder und oft auch die Finanzen. Und das mit den damaligen Mitteln; Waschbrett und Wäschebottich, me-terlange Wäscheleine hinter dem Haus und Bügeleisen statt Waschmaschine, Trockner und Bügelstation.
Eine Siedlerin, deren Mann während der Bauarbeiten schwer erkrankte, erzählt aber auch, dass es damals nicht nur Kavaliere gab. Sie brauchte Holzbretter für die Zwischenböden aus der Schreinerei für ihr Haus. Man sagte ihr, welches Holz sie nehmen sollte, zuschneiden sollte sie es selbst - bis sich doch jemand erbarmte und ihr beim Zuschneiden half.
Überhaupt wurde die Arbeit der Frauen nicht hoch eingeschätzt. „Ich habe gearbeitet wie ein Pferd, aber ich bekam für 10 Stunden Arbeit nur 5 Stunden angerechnet“, erzählt die damals 28jährige Therese Sch. Beschwerden nutzten da nichts, die Männer vom Bau hatten das Sagen. Das Lebensmotto der jungen Frau half ihr in der schweren Zeit bis heute:

“Ich will“, das Wort ist mächtig,

spricht`s eine ernst und still,

die Sterne holt`s vom Himmel,

das kleine Wort, „ich will“.

Damit kann man auf der Höh mehr als 80 Jahre werden und sich seine Lebensfreude erhalten.
Überhaupt gab es nur wenige Frauen, die bei den Bauarbeiten geduldet wurden. Ein Siedler erinnert sich an eine Frau Hamacher auf dem Kelzenberger Weg, die stundenlang mit ihren Stiefeln Runde um Runde durch Stroh und Lehm watete, um beides zu Lehm/Strohhäckselgemisch zu verbinden. Das Lehm/Strohhäckselgemisch diente zur Verfüllung und Isolierung in den Häusern.
Zurück zu den Siedlerhäusern:
Die ersten Häuser konnten 1949 bezogen werden, Ende 1950 waren alle 26 bewilligten Häuser bezugsfertig. Nach einer für die Siedler enttäuschenden Pause von 2 Jahren ging es 1952 weiter, bis Ende 1953 insgesamt 66 Häuser fertig gestellt waren.

Haus auf dem Kelzenberger Weg   © Archiv

Haus und Hof


Die Siedler wohnten in den ersten 3 Jahren zur Miete, monatlich 75,- DM, die auf den späteren Kaufpreis angerechnet wurde. In jedem Haus musste wegen der damaligen Wohnungsnot nach dem Reichsheimstättengesetz eine Familie als Untermieter mit aufgenommen werden.
Auch sonst gab es strenge Regeln, die von der Siedlergemeinschaft festgelegt und von der Baufirma bis zum Ende der Mietzeit kontrolliert wurden.
Im Erdgeschoß befanden sich ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Wirtschaftsküche, ein Kinderzimmer und eine Toilette. Am Haus bzw. im Haus gab es einen Schweinestall mit einem Schweinetrog. Die Abwässer aus dem Stall und der Toilette flossen in eine Klogrube zusammen. Man erzählt sich, dass diese manchmal von den Katholiken an den Festtagen der Protestanten und von diesen an den Feststagen der Katholiken auf dem Grundstück entleert wurde.
Die Grundstücke waren mit einheitlichen Jägerzäunen umgeben. Die Grundstücksgröße war mit rund 600 m² bzw. 1.200 m² (für die großen Parzellen) so bemessen, dass man sich aus den Gärten selbst ernähren konnte. Jedes Jahr im Frühling setzte man Kartoffel, brachte Salat und Gemüse ein. „Alleine 150 Kopf Salat haben wir immer gepflanzt, dazu Radieschen, Kohlrabi und was es sonst noch alles gab“, weiß unsere Siedlerin zu berichten. Außerdem wurde eine größere Zahl von Obstbäumen gepflanzt. Teilweise mussten von der Ernte viele Mäuler gestopft werden, auch die Verwandten kamen und holten sich ab, was später übrig blieb. Mit den Jahren gab es Obst im Überfluss, man wusste nicht mehr wohin damit.
In den Vorgärten wurden von der Stadt Laubbäume gepflanzt, die später Eigentum der Siedler wurden. Einer dieser (Eichen-)bäume steht noch heute als mächtiger Baum auf dem Elsternweg.

Tierhaltung auf dem Hof der Familie Mones (Peschke), Kelzenberger Weg   © Archiv
Wenn sich die Nachbarn mal wieder über das viele Laub im Herbst aufregen, verweist Edith Görtz-Stadager an die Stadt, die schließlich den Baum gepflanzt hat.
 
Im Garten liefen allerlei Kleintiere, wie Hühner, Gänse aber auch Ziegen und Schafe herum. Das Privileg der Tierhaltung ist für die Siedlung bis heute erhalten geblieben.

Tierhaltung auf dem Hof der Familie Mones (Peschke), Kelzenberger Weg   © Archiv

Die strengen Regeln erlaubten zu Beginn auch nur einen Kohleofen statt Heizung; um einen Schmutzwasserkanal musste mit der Baugesellschaft gekämpft werden. Manchmal setzte sich aber auch ein hartnäckiger Siedler durch. Einer von ihnen konnte nach zähem Ringen die von der Sparkasse ausrangierten, alten Heizkörper in sein Haus einbauen. Die schweren, gusseisernen Ungetüme bringen noch heute wohlige Wärme in die Wohnung.

Früher war es noch schön


Eine Siedlerin erzählt, wie es damals war. Die Häuser waren fertig gebaut und bezogen. Es gab noch viel zu tun, aber auch viel Freude, die Freude über das eigene Heim, denn langsam wurden die Zeiten besser. Man traf sich regelmäßig mit den Nachbarn, die teilweise auch miteinander verwandt waren. Man saß zusammen, jeder brachte etwas mit, es wurde geredet und sehr viel gelacht. Ein paar Schnittchen, ein paar Flaschen Bier und andere Getränke, mehr brauchte man nicht. „Tante Lehnchen und Onkel Fritz wohnten auf der Grünstrasse“, erinnert sich unsere Siedlerin. „Sie kamen Sylvester zum Feiern. Es gab Gulaschsuppe und was zu trinken. Auf dem Weg nach Hause ging Onkel Fritz voran, fiel in ein Loch und Lehnchen landete auf seinem Rücken.“ Waren die Getränke, die Dunkelheit schuld oder war es eher ein geschickt getarnter Annäherungsversuch.
Bei den Zusammenkünften wurden auch die Büttenreden für die jährlich stattfindenden Karnevalsveranstaltungen der Siedlergemeinschaft einstudiert, die bis heute mit großem Erfolg durchgeführt werden.
Als dann die ersten Fernsehgeräte auftauchten, wurden die Gespräche und Treffen seltener.

Berühmt sind bis heute die großen Feste der Siedler, die meist in der Gaststätte Franken (gegenüber der heutigen Laurentius-Apotheke, auf der Straße zur Burgmühle) stattfanden. Es wurde viel gelacht und getanzt, die aufkommende Zeit des Rock and Rolls brachte neuen Schwung, die neue Mode mit hautenger Kleidung, Petticoats ließ nicht nur die Herzen der jungen Leute höher schlagen.
Aber auch sonst gab es viele gemeinsame Fahrten und Reisen. Unvergesslich ist vielen noch die viertägige Fahrt zur Bundesgartenschau nach München.
Viele Freundschaften haben sich bis heute erhalten, aber die Kaffeerunden werden kleiner, weil nur noch wenige von den ersten Siedlern unter uns sind.

Was haben die Kinder gemacht?


Das war Abenteuer pur, würde man heute sagen. Die Kinder waren überall dabei, wo gebaut wurde, beobachteten die Erwachsenen und sammelten alles, was sie gebrauchen konnten. Aus alten Holzbrettern, ein paar Nägeln, Säge und Hammer bauten die Älteren kleine Hütten oder auch mal ein Baumhaus. So manches Loch im Boden wurde zu einer Höhle, die nach oben mit Brettern, Zweigen und Blättern abgedeckt wurde. Den Kleinen hatten es die Rohbauten angetan, herrliche Verstecke gab es dort, besonders in den Kellern. Manchmal waren die Kinder den ganzen Tag für die Eltern nicht zu sehen. Irgendwann tauchten sie wieder auf. Nicht immer konnten sie erklären, was sie den Tag über so gemacht hatten. Gott sei Dank ist nichts Schlimmes passiert.
An ein Vergnügen der besonderen Art erinnert sich der damals 5-jährige Wolfgang Peschke. Es ließ sich jeden Tag von seinem Großvater Jakob Mones von der Wohnung auf den Friedenstraße in Rheydt in einem Heuwagen zur Baustelle ziehen. Er fühlte sich dabei wie ein Kutscher mit einem Pferd vor dem Wagen. Während der Großvater zusammen mit den anderen hart arbeitete, spielte Wolfgang den ganzen Tag und ließ sich abends erschöpft auf dem Heuwagen von seinem Großvater wieder nach Hause ziehen.
Sehr beliebt war der Galgenberg, von dessen Hängen man sich im Winter mit den Schlitten in die Tiefe stürzte. Auch im Stadtpark wurden Schlittenbahnen aufgeschlagen. Die längste ging vom heutigen Tierpark aus, am Gymnasium vorbei über die Mülgaustrasse bis zur Niers.
Der Lehmboden, der überall auf der Kamphausener Höhe auch heute noch vorhanden ist, sorgte dafür, dass es viele Tümpel und kleine Teiche gab, mit Fischen und Fröschen. Ein solches Biotop, wie wir es heute nennen, kann man noch am Schmitzhof sehen. Mit den Fröschen wurden manchmal aber auch einige derbe Scherze getrieben, über die wir lieber nicht reden wollen.
Die damals noch regelmäßige strenge Kälte im Winter ließ die Tümpel zufrieren. Ein kleiner See zwischen dem Udohof und dem Elsternweg und andere Teiche waren dann Tummelplatz für die Schlittschuhläufer.


Es war die Zeit, in der Spielzeug nur spärlich vorhanden war, aber auch nicht vermisst wurde. Was man brauchte, wurde selbst gebaut und man war stolz darauf.

Siedler: Alt gegen Jung   © Archiv
So entstand auch der Fußballplatz an der Heerstrasse, auf dem Gelände zwischen dem Elsternweg und dem Kelzenberger Weg, wo sich heute die Geschäftshäuser befinden. Aus Balken von der daneben gelegenen Schreinerei wurden Fußballtore zusammen gezimmert. Eine paar Zweige oder Äste dienten als Begrenzung der Spielflächen und schon ging es los. Wie man auf dem nebenstehenden Bild sehen kann ein fast schon professionelles Spiel für jung und alt.



Die Siedler und die Kirche


Die Geschichte der Siedler ist eng mit den Kirchen in Odenkirchen verbunden. Auch wenn sie zunächst nicht ganz freiwillig ihr Land für die Siedler zur Verfügung stellen wollten. Sie begleiteten die Siedler danach in vielfältiger Weise und halfen Ihnen, wo sie konnten, zuweilen auch mit ungewöhnlichen Maßnahmen. Am Anfang gab es keine geteerten Straßen auf der Siedlung. Bei Regen verwandelte sich der feste Lehm in tiefen Morast, den man mit Stiefeln oder dicken Schuhen durchwaten musste.


Als Fronleichnam eine Prozession über die Siedlung ziehen sollte, stellte der Pfarrer die Bedingung, dass zuerst die Straßen fertig sein müssten. Keiner kann sich mehr daran erinnern, wer da im Hintergrund die Fäden gezogen hat. Jedenfalls reagierte die Verwaltung sehr schnell und im nächsten Jahr zog zum ersten Mal eine Fronleichnamsprozession über die frisch geteerten Straßen, an der fast alle Siedler teilnahmen. Allerdings haben sich die Siedler damals mit ihrem Ersparten erheblich an den Kosten beteiligt, weil die Stadt nicht genug Geld hatte. Vor den Häusern wurden kleine Altäre mit Lichtern, Kreuzen und Heiligenfiguren aufgebaut. Der Pastor segnete im Vorbeigehen jedes Haus. Noch heute heißt es: „Mach dat Fenster op, damöt dat Huus gesegnet wöt.“ Die Prozession blieb über viele Jahre eine Tradition, die sicher auch aus Dankbarkeit gepflegt wurde.

Fronleichnamszug auf dem Kelzenberger Weg   © Archiv

Die ersten Siedler nahmen aber auch für die Kirchenbesuche einiges auf sich. Jeden Sonntag ging man in großen Gruppen los, die feinen Schuhe hatten die Damen in der Tasche. Bei Henseler, An der Schießruthe, wurden die lehmverschmierten Schuhe ausgezogen und abgestellt. Mit den frisch geputzten Sonntagsschuhen ging es dann zur Kirche, auf dem Rückweg wurde wieder gewechselt.

Die meisten Häuser auf der Siedlung haben im Verlaufe der fast 60 Jahre ihre Verjüngungskur hinter sich, ihren Charakter haben sie nicht verloren.
Eine Neusiedlerin beschreibt, wie sie zum ersten Mal ihr Siedlerhaus betreten hat: „Ich habe sofort gewusst, das ist es. Das Haus, der Garten, das hat was. Als wir später die Tapete abgerissen haben, Bahn für Bahn (es eröffnete sich eine Kulturgeschichte der Tapete bis zurück in die 40er Jahre), sind die alten Zeiten lebendig geworden.“
Ein Gang durch den alten Siedlergarten ließ Kindheitserinnerungen aufleben und lehrte Ehrfurcht vor Natur und Mensch, der hier als Selbstversorger eine 7-köpfige Familie über Jahrzehnte ernährte. Mit diesen Gedanken fiel es leicht sich auch als Neue nahtlos in die alte Tradition einzufügen.
Viele der ersten Siedler sind gegangen, viele sind neu hinzugekommen. Alle haben Glück und Leid wie überall erlebt.
In Erinnerung wollen wir die Menschen halten, die mit Idealismus und Mut große Entbehrungen auf sich genommen haben, um für sich und ihre Nachkommen ein Stück Heimat zu schaffen. Stellvertretend für alle verneigen wir uns vor dem, was Paul Lamsfuß als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Siedlergemeinschaft für die Siedlung und die Siedler geleistet hat. Ganz besonders ist der Gemeinsinn hervorzuheben, durch den die Siedlung überhaupt erst entstehen konnte und der in der heutigen Zeit oft schmerzlich vermisst wird.