Alstedde damals

Kurzer Rückblick in die Geschichte der ehemaligen Gemeinde Altlünen

Die politische Gemeinde Altlünen bestand aus den Ortsteilen Alstedde, Nordlünen und Wethmar.
Der Name „Alstedde“ setzt sich aus den altsächsischen Worten „al“ (=Gott, Götter) und „stedi“ (=Stätte) zusammen und bedeutet soviel wie „Götterstätte“.
„Nordlünen“ bezeichnet die Lage auf der nördlichen Anhöhe über dem Hochwasser der Lippe und des Wevelsbaches.
„Wethmar“ entstammt den Worten „wed“ (=Wald) und „mar“ (=seichtes, stehendes Wasser).


Auszug aus : Geschichte der Gemeinde Altlünen von A. Siegeroth

Die Gemeinde, eine altgermanische Siedlungsstätte


Zahlreich sind die vor- und frühgeschichtlichen Funde, die im Raume Altlünen – Lünen gemacht wurden. In unmittelbarer Nähe der Lippe lagen die wichtigsten Fundstellen. Zusammengefasst geben sie uns ein ungefähres Bild über die Besiedlung unserer Heimat in der Vorzeit. Wo heute in Lippholthausen das Lippewerk steht, war vor einigen Jahrzehnten unkultiviertes Land. Wildes Strauchwerk, Kiefern- und Birkengruppen bedeckten eine hügelige Sandfläche.
Niemand achtete sie. In ihren Hügeln aber schlummerten die Zeugen der Vergangenheit. Das stellte man 1923 fest, als das Gelände eingeebnet wurde. Man fand u.a. neben einer Unzahl von Urnenscherben 6 heilgebliebenen Urnen und 10 Brandstellen. Um die letzteren gruppiert lagen Reste durchglühter Menschenknochen, Feuersteinsplitter und Bruchstücke von Bronzegegenständen. Danach muss es sich um einen geschlossen Begräbnisplatz gehandelt haben, der über lange Zeit hinweg diesem Zwecke diente; denn „ein Teil der
Scherben war verziert und von hellem Farbton; doch die Mischung war grob und der Brand noch unzulänglich. Neben diesen fand man auch Scherben mit einer feineren Mischung, mit einem besseren Brand und einem dunkleren Farbton“.1)
Beide Arten gehörten also verschiedenen Zeitepochen an.
Einzelne Urnen oder Urnenscherben fanden sich auch „In der Geist“ und auf dem „Wüstenknapp“, in der Nähe der Eisenhütte Westfalia und unweit der Gaststätte Fölger in Wethmar. Hier grub man 1954 in der Wittekindstraße noch eine auffallend große Urne aus, die mit Knochenresten gefüllt war. Die bedeutendsten Fundstellen aber lagen in Alstedde.


1. Das Großsteingrab

Bei der Entsandung des Geländes nordöstlich der Gehöfte Kirchhoff – Busemann legte man 1909 in etwa 1 m Tiefe ein Steingrab frei, das durch seine Länge von 9 m und seiner Breite von 5 m besonders auffiel 2).
In der Grabanlage fand man neben Gefäßscherben größere und kleinere Urnen. Nach Form und Verzierung gehörten sie dem Kulturkreis der Tiefstichkeramik an. Solche Steingräber wurden von den Menschen in der Jungsteinzeit erbaut. Diese Zeitepoche reichte von 4000 – 2000 v. Chr. Während dieser Zeit also haben sich die ersten Siedler in Altlünen niedergelassen. Ackerbau und Viehzucht hatten bereits Eingang gefunden, und hier in Alstedde fanden sie die Bedingungen erfüllt, die für sie wichtig waren, nämlich das Vorhandensein von Wald, Wasser und leichtem Boden. Letzteres wegen der primitiven Arbeitsgeräte. Auf die Bestattung ihrer Toten haben die Menschen damals viel Mühe verwandt. Gemeinsam schafften sie dicke Findlinge herbei und erbauten aus ihnen eine rechteckige Kammer, die dann mit Decksteinen belegt wurde .Geröllsteine dienten als Fundament und zum Ausfüllen der Lücken.
„Die Sitte, für die Verstorbenen Steinhäuser zu bauen, haben die Menschen damals aus Westeuropa übernommen. Die Toten wurden in gestreckter Lage beigesetzt und mit Ihren persönlichen Habe ( Waffen und Schmuck) ausgestattet. Speise und Trank gab man ihnen in reich – verzierten Gefäßen als Wegzehr in das Reich der Toten mit“.3)
Mit dem Totenkult jener Zeit hängt wahrscheinlich auch die in einem der Steine eingehauene Rille zusammen. Ihre wirkliche Bedeutung ist aber noch nicht erkannt.



2. Das Gräberfeld am Sprengers Knapp

Etwa 200 Meter westlich des Gehöftes Hülsmann – Grove liegt an dem Wege, der nach dem früheren Schulzenhofe Alstedde (heute Schulte Witten) führt, ein unebenes, mit Strauchwerk bewachsenes Gelände, der „Sprengers Knapp“. Zwischen ihm und der Alstedder Straße hoben die Arbeiter bei der Entsandung im Jahre 1908 eine Unmenge von Urnenscherben und von verkalkten Knochen aus, leider nur wenige heile Urnen.
Herr Langenbach schätze die Gesamtzahl der Urnen auf 500. Man war damit auf ein Gräberfeld gestoßen, das ebenfalls der vorgeschichtlichen Zeit angehörte. Unsere Vorväter wussten von ihm, und es kann uns darum nicht wundern, dass im Volk die Sage von der großen Feldschlacht entstand, die in Urzeiten hier auf der Alstedder Heide geschlagen worden sei, und wo „die gefallenen Helden nach ruhelosem Kampfesleben in der einsamen Heide ein stilles Grab fanden. Oder aber, diese Heide war ein den alten Göttern geweihter Platz, wo dem Wuotan manches Opfer dargebracht worden ist. An solchen Orten liebte man, die Helden zu bestatten. Hier ließ man die Scheiterhaufen lodern, auf welchen die Leichen in Flammen aufgingen. Asche und Kriegszeichen wurden dann unter einem Erdhügel geborgen.“4)


3. Die Urnenfunde am Heikenberg

Bei der Suche nach dem römischen Kastell „Aliso“ wurden in den Jahren 1869/70 im Auftrag durch Professor Hülsenbeck aus Paderborn und Direktor Wollmann aus Charlottenburg Ausgrabungen auf dem Heikenberg und dessen Vorgelände durchgeführt. An der Ostseite war dem Berg eine Hügelgruppe vorgelagert. Hülsenbeck untersuchte sie. Dabei grub er 13 Urnen aus. „Sie waren mit der Hand geformt, schwach gebrannt und hatten oben und in der Mitte einfache Verzierungen. Die weiter in der Heide gefundenen unterschieden sich von der Größe, Form und Farbe. Jene waren länglich ungefähr ½ Fuß groß, von roter Farbe und hatten fischgrätähnliche Verzierungen; diese hatten die Form von Tiegeln , schwarze Farbe und in Feldern Kreise mit Punkten oder senkrechtgestellten Durchmessern.“5)
In einem Hügel fand man einen Streithammer aus eisenhaltigem Sandstein, in einem anderen ein Stück Golddraht, wahrscheinlich der Überrest eines Armreifens, in einem weiteren eiserne Pfeilspitzen und stark mit Grünspan überzogene Teile einer Bronzenschnalle, die wohl von einem Wehrgehänge stammte. „Merkwürdig ist“, schreibt Sehrbrock, „dass auf dem Hügel mit den meisten Funden seit uralten Zeiten die Bewohner der Bauerschaft alljährlich das Osterfeuer darauf anzünden.“
Auch diese Fundstücke gehörten verschiedenen Zeitepochen an, woraus wir schließen dürfen, dass auch hier am Heikelberg schon in der vorgeschichtlichen Zeit Menschen lebten und sesshaft waren. Heute sind die Hügel abgetragen, und der Raum ist dicht besiedelt. Der Straßenname „Am Urnenfeld“ aber hält die Erinnerung an jene Zeit fest. Die Fundstücke, die damals dem Museum in Dortmund überwiesen wurde, hat der 2.Weltkrieg vernichtet; aus Abbildungen kennen wir nur noch ihre Formen.





4. Fundstelle an der Altlüner Westgrenze

Im April 1938 grub man bei der Abtragung hart an der Alstedder – Borker Grenze ein Steinbeil, mehrere Feuersteinmesser, Gefäßscherben, einige beschädigte Bronzeteile und viele Knochen aus. Bald stieß man auf Mauerreste, in denen man die Grundmauern eines Hauses erkannte mit einer lichten Weite von 7,50 m x 4 m. Sie bestanden zum größten Teil aus Geröllsteinen, waren 75 – 80 cm dick und reichten bis 1,80 m tief in den Boden. Auf dem Steinsockel waren ursprünglich Fachwerkwände errichtet, und der Boden war mit Lehm befestigt, teilweise auch mit Bruchsteinen ausgelegt. Auf ihm fand man Holzkohlenreste und größere verbrannte Stücke von den ehemaligen lehmverputzten Wänden. Der Bau muss also durch Feuer vernichtet worden sein.6) Tiefer im Boden stieß man noch auf ältere Brandschichten. Man schließt daraus, dass an der gleichen Stelle noch ein älteres Haus gestanden hat, von dem aber en genauer Grundriss nicht mehr festgelegt werden konnte. Bei den gefundenen Gefäßscherben handelte es sich um gelb-weiße Tonware mit blau-violetter Bemalung. Diese Keramik reicht bis in das 9. Jahrhundert n. Chr. zurück. Wir haben es hier also mit einer Siedlerstelle aus der frühgeschichtlichen Zeit zu tun.



5.Fundstelle im Nordwesten der Bauernschaft

Im Borker Sundern treffen wir noch auf Altlüner Gebiet eine rechteckige Vertiefung von 72 m Länge und 48 m Breite an. Im Volksmund nennt man den Ort „Kastell“ und bringt ihn mit dem Heikenberg zur Zeit der Römer in Verbindung, zumal früher ein breiter Weg beide Punkte miteinander verband. Bei Ausgrabungen wurden aber nur einzelne Gegenstände aus Eisen geborgen, die aus der karolingisch-sächsischen Zeit stammten, etwa aus dem 9.Jahrhundert n. Chr. Hier und da hört man in Alstedde für diesen Ort auch die Bezeichnung „Burgstätte“, und zwar aus der Annahme, dass hier die erste und älteste Hofanlage der Alstedder Schulzen gewesen sei. Dafür fehlen aber stichhaltige Beweise. Es ist eher anzunehmen, dass hier früher ein anderer Alstedder Hof gelegen hat, der inzwischen eingegangen ist.
Neben diesen großen Funden sind innerhalb der Gemeinde zahlreiche Einzelfunde an Urnen und Urnenscherben gemacht worden. Doch man achtete in früheren Zeiten die Zeugen der Vergangenheit nicht, man warf sie als „Heidenpötte“ achtlos an die Seite. Uns aber sind sie Beweis dafür, dass in unserer Gemeinde schon vor Jahrhunderten Menschen gelebt haben.




1) “Die Heimat“, Beilage der Zeitung Tremonia.1928
2) Aussage des Herrn Langenbach, Lünen
3) Landesmuseum Münster „Steinzeit und ältere Bronzezeit“
4) Sehrbrock : „Altes und Neues aus Lünen und Altlünen“
5) Sehrbrock : „ Altes und Neues aus Lünen und Altlünen“
6) Monatszeitschrift des Westf. Heimatbundes