App liefert umstrittene Schätzwerte

Mit Verwunderung und Ärger reagieren viele Wohneigentümer und -eigentümerinnen auf die Geschäftsidee des Start Ups Scoperty. Die Immobilienplattform veröffentlicht seit November 2020 auf einer digitalen Karte nach eigenen Angaben Schätzwerte von mehr als 35 Millionen Wohnimmobilien in ganz Deutschland - ohne, dass die Eigentümer/innen vorab zugestimmt haben.

Userin betrachtet die App
„Die auf dem Portal veröffentlichten Preise haben mit realen Werten nichts zu tun“, warnt der VWE-Landesverband NRW.   © Ahmerkamp/VWE

Wer sich auf dem Portal www.scoperty.de über die geschätzten Immobilienpreise in einer Region informieren möchte, gibt eine Adresse ein. Die dann in einer Kartenansicht gezeigten Schätzwerte - wie mit einem Preisschild an die jeweilige Immobilie gepinnt - ermittelt ein Algorithmus. Die Hauseigentümer werden darüber nicht informiert - geschweige denn gefragt.

Selbstlernender Algorithmus

Grundlage für die Schätzwerte sind zum einen auf die Immobilie bezogene Daten wie Adresse, Schätzung der Wohnfläche und Grundstücksgröße, das geschätzte Baujahr und der Objekttyp. Zudem wird der Algorithmus nach Angaben von Scoperty mit hunderttausenden vorheriger Transaktionsdaten in der Gegend, Angebotspreisen, Lageinformationen und weiteren Daten gefüttert und lernt auf diese Weise ständig dazu. Das Portal nutzt dabei Quellen wie den Google-Kartendienst und Kataster- und Landesvermessungsämter sowie Daten von Marktforschungsinstituten.

Die Idee der Betreiber: Die Plattform soll einen "Vormarkt für Immobilien" bieten. Kaufinteressenten sollen so beispielsweise die Möglichkeit haben, einen Überblick über die Immobilienpreise vor Ort zu bekommen und vielleicht auf Häuser zu bieten, die offiziell nicht zum Verkauf stehen - so können sie den Eigentümer vielleicht von einem Verkauf zu überzeugen. Diese Kontaktoption funktioniert aber nur, wenn auch der betreffende Eigentümer sich auch auf der Plattform registriert hat. Generell gilt: Je mehr Nutzer sich registrieren lassen und das Unternehmen mit Daten füttern, desto genauer wird das System.

"Eigentümer werden übergangen"

"Die auf dem Portal veröffentlichten Preise haben mit realen Werten nichts zu tun. Sie entbehren jeder ordnungsgemäßen und individuellen Preisermittlung einer Immobilie, Es kann sich also jeweils immer nur um eine sehr grobe Schätzung handeln", warnt der VWE-Landesverband NRW in einer Pressemitteilung und empfiehlt dringend, nur seriösen Preisermittlungen zu vertrauen.

Ein Ärgernis sei auch, dass Fantasiepreise veröffentlicht würden, die den Eindruck erweckten, die jeweiligen Immobilien seien tatsächlich zu verkaufen, "die Eigentümer werden komplett übergangen".

Die ungenauen Schätzwerte sind auch Hauptkritikpunkt von Verbraucherschützern. Sie könnten einen falschen Eindruck vermitteln und arglose Verbraucher in die Irre führen. Wertsteigernde Faktoren einer Immobilie seien ebenso wenig berücksichtigt wie beispielsweise ein Investitionsstau. Die Schätzung ist weder ein Gutachten, noch ein Verkehrswert gemäß der Immobilienentwicklungsverordnung und ebenso wenig ein rechtsverbindlicher Marktwert.

Möglichkeit zum Widerspruch

Eine rechtliche Handhabe gegen die veröffentlichten Schätzwerte - etwa im Datenschutzrecht - ist eher schwierig zu finden. Wer seine Immobilie bei Scoperty löschen möchte, kann einer Veröffentlichung hier widersprechen: Scoperty GmbH, Brienner Str. 53, 80333 München, Telefon: +49 (0)89/2000 297 50. Eine direkte Widerspruchsmöglichkeit findet sich auch auf der Scoperty-Webseite. Verbraucherzentrale Niedersachsen /Ah