Verlieren Städte durch die Pandemie an Attraktivität?

Ein Kommentar von Andrea Müller Nadjm

Bei vielen Menschen war das Landleben oder das Leben in der Vorstadt schon immer beliebt.
Durch Corona und die damit verbundenen Freizeit- und Kontakt-Einschränkungen, aber auch durch eine liebgewonnene Homeoffice-Option, könnte ein Trend verstärkt werden, die "Stadtflucht wegen Landlust".
Seitdem die Pandemie uns im Knebelgriff hat erscheint das Leben mit mehr Lebensraum erstrebenswert. Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeit schafft auch außerhalb der Großstadt neue Perspektiven.
Ist dieser Trend ein vorübergehendes Phänomen oder ein Vorbote eines anhaltenden Wandels?

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© Andrea Müller-Nadjm
Co-Dorf statt Kuh-Dorf
Es ist die Rede von Co-Working bis Co Living, im Co-Dorf statt Kuhdorf. Das bedeutet, Gleichgesinnte finden sich, arbeiten alleine aber auch irgendwie zusammen, leben beieinander, ergänzen und unterstützen sich.
Solche modernen Zusammenschlüsse kennt man von Start-ups, die sich große Büroflächen teilen und so Kosten sparen, aber von dem Know-how aller profitieren.
Wie es aussieht, lassen sich solche Modelle auch auf den ländlichen Raum übertragen.

Die Pandemie verstärkt einen Trend
Auch andere Beweggründe ziehen die Menschen aufs Land, denn Homeschooling und Homeoffice rufen nach mehr Platz, der ist in der Stadt aber kaum mehr zu bezahlen. Viel Wohnraum lässt sich für die meisten nur noch in ländlichen Regionen finanzieren. Hier kostet Wohneigentum mit doppelter Fläche nicht selten die Hälfte im Vergleich zur Stadt.
ImmoScout24 verzeichnete im Juni 2020 51 Prozent mehr Kontaktanfragen für Eigentumswohnungen im Umland der Städte im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Nachfrage nach Häusern zum Kauf stieg im Vergleichszeitraum um 48 Prozent.

Welche Kommunen können von diesem Trend profitieren?
Das klingt nach einer rosigen Zukunft auch für ländliche Kommunen, aber vom Zuzug aus der Großstadt können nur Regionen profitieren, die an ein schnelles Internet angeschlossen sind. Die Konkurrenz unter den Kommunen um die digitalaffinen und anspruchsvollen Großstädter, die vom Eigenheim mit Garten träumen, ist eingeläutet.
Das Rennen machen Kommunen, die bürger- und kinderfreundlich daherkommen. Zukünftige neue Mitbürger vergleichen nicht nur Immobilienpreise. Sie vergleichen neben der Infrastruktur auch sämtliche Zusatzkosten, wie Kita und Müllgebühren, Grundsteuer, Wasser- und Abwassergebühren.
Und ganz wichtig, sie schauen heute auch, ob die Kommune noch eine Straßenbeitragssatzung hat, die jede Zukunftsplanung zunichtemachen kann, weil die Stadt die Straßensanierungskosten in bis zu fünfstelligen Beiträgen auf ihre Bürger abwälzt.
Auf solche böse Überraschung kann eine zuzugswillige Familie, und das Geschäftsmodell für ein Coworking-Space auf dem Lande, gut verzichten.
Informationen zu Coworking auf dem Land und Listen von Kommunen, die ihr Vorhaben zu kostspielig werden lassen, finden Sie unter unseren Tipps mit nachstehenden Links.

Übersicht zu Co-Working auf dem Land
Die von der Bertelsmann Stiftung im November 2020 herausgegebene Studie "Coworking im ländlichen Raum. Menschen, Modelle, Trends" gibt einen guten Überblick über bundesweit laufende Projekte und kategorisiert die verschiedenen Zielgruppen und Arbeitsorte. Auch wird über die Varianten der Gründung von Coworking-Spaces informiert. Das 74-seitige PDF (inklusive mehr Informationen zur Karte) kann hier kostenlos heruntergeladen werden.
www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/coworking-im-laendlichen-raum-all

Karte bzw. Liste der hessischen Kommunen mit Straßenausbaubeiträgen, bzw. ohne…

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